Konzerte in Europa, Kritik von Zeit- und Altersgenossen und weise Worte über Alter und Zeit

Das war wieder eine gelungene Überraschung. Nicht wenige hatten gedacht, das war’s jetzt wirklich mit Bob Dylan-Konzerten in Europa. Die schon durchgebuchte Europa-Tour im Frühjahr, die ihn gerüchteweise wieder einmal nach Österreich, in die Schweiz und nach Tschechien geführt hätte, wurde abgesagt, kurz nachdem Freund Neil seine Tour abgesagt hatte. Ob es an der politischen Weltlage lag oder waren es tatsächlich erste wirkliche Alterserscheinungen? Seine „Long Hot Summer Tour“ ließ viele schon befürchten, er folge dem Beispiel von Willie Nelson und Merle Haggard. Während letzter sowieso hauptsächlich in Nord-Amerika auftrat, spielte Willie seine letzten Konzerte in Deutschland bereits 2010. Seitdem kommt er auch nicht mehr über den Teich. Und da war er „erst“ 78 Jahre alt. Doch Dylan bleibt Dylan. Mit einer gewissen Erleichterung sah die europäische Dylan-Community daher vor kurzem die öffentliche Verkündigung von drei skandinavischen Konzerten im Oktober.
Und doch geht es wieder nach Europa
Merke: Scheinbar solange es irgendwie geht – Transatlantik-Flüge und ständige Bustouren sind für 85-jährige auch kein Kindervergnügen mehr – spielt er auch in Europa. Und da geht es um mehr als um weitere Live-Auftritte. Meine These: Dylan ist Europa kulturell sehr verbunden. Ob Dichtkunst, Malerei oder Theater – der Literatur-Nobelpreisträger von 2016 atmet gerne den Geist von Shakespeare. Michelangelo, Picasso, griechischer Klassik und italienischer Commedia del‘ Arte -und ist allein damit schon ein Gegenentwurf zur isolationistischen und kulturfernen MAGA-Bewegung.
Dabei stellen sich für die anstehenden Europa-Konzerte einige wichtige substantielle Fragen. Wird seine Setlist sich eher an den Sommerkonzerten oder an den üblichen RARW-Konzerten orientieren? Wer wird Gitarrist sein? Hat er in Anton Fig den Schlagzeuger seines Vertrauens endlich gefunden? Und: Wird er den Hoodie tragen und die Kapuze aufsetzen?
Was sich sicher nicht ändern wird – und das finde ich auch gut so – ist seine Haltung zur Kunstform Konzert selbst. Keine Ansagen, kein „Schön wieder hier zu sein“ oder gar Erklärungen zu den Songs. Bei Dylan gibt es „Musik pur“. Und das ohne die Greatest Hits. Und als wäre das nicht schon seit vielen Jahren klar bei Dylan-Konzerten, fühlten sich jüngst zwei Zeitgenossen und Weggefährten Dylans dazu berufen, die Musiklegende für ihre Konzerte zu kritisieren.
Anwürfe zweier Weggefährten

So soll laut Rolling Stone die Beatles-Legende Paul McCartney kürzlich in einem Interview folgendes zum Besten gegeben haben: „Ich war schon bei einigen von Bobs Konzerten und konnte nicht erkennen, welchen Song er gerade spielte. Da übertreibt er schon, finde ich. Ich verstehe schon, wenn er ‚Mr. Tambourine Man‘ nicht spielen will. Vielleicht hat er die Nase voll davon, aber ich würde es gerne hören. Und ich habe dafür bezahlt.“ Wahrscheinlich würde auch Paule den Impersonator vor der Konzerthalle besser finden als den Meister selbst. Aber es sind eben grundlegend andere Konzepte. Paul war schon immer der bravste und verbindlichste der Beatles. Er hat schöne Songs geschrieben. Neben den großen Bob Dylan, Leonard Cohen oder Paul Simon aber reiht er sich nur als Teil des Duos Lennon/McCartney ein. Und seine Shows haben immer so ein bisschen „Ihr bekommt die Nostalgie, die Ihr wollt“ als Haltung. Natürlich schätzt er Dylan und der ihn ebenso. Aber hier liegt er daneben.
Der zweite Anwurf, den man nicht gebraucht hätte, kommt von Noel Stookey. Noch ein Paul. Nämlich der von Peter, Paul und Mary. Der Rolling Stone hat den fast 90 Jährigen zu den Ereignissen in den 1960er-Jahren interviewt und der merkt an, dass ihm Bob Dylan heute leid tue. Weil die Konzerte wären alles, was er habe. Und dass ihm das letzte Dylan-Konzert, das er gesehen habe, nicht gefallen hat. Weil Dylan so distanziert gewesen sei und er gespielt habe, als wären die Zuschauer überhaupt nicht da.

Was soll man dazu sagen? Weder Alter, noch Ruhm schützen vor Torheit. Wenn Dylan die Resonanz der Zuschauer nicht brauchen würde, wäre er schon lange nicht mehr auf Tour. Nur weil, er die üblichen Show-Mätzchen nicht mitmacht, spürt und braucht er dennoch sein Publikum.
Dylan hat gesprochen!
Da hören wir doch lieber Dylan selber zu. Denn der doch tatsächlich öffentlich gesprochen. Die New York Times befragte anlässlich des 80. Geburtstags von Donald Trump eine Reihe von Prominenten jenseits der 80 zu ihren Gedanken über das Älter werden. „Das Beste daran, 80 zu sein, ist, dass man die Uhren überlebt, die einem immer im Nacken saßen. Es ist die Freiheit von der Lüge, dass irgendetwas je unter Kontrolle war“, sagte Dylan über das Achtzigwerden. „Man jagt der Parade nicht mehr hinterher. Man ist ein alter König aus einem verschwundenen Land. Du lässt dich schwerer programmieren.“

Und das negative? Dylan sagte: „Das wirklich Schlimmste daran, 80 zu sein, ist, dass man schließlich feststellt, man hat ein Verständnis für etwas erlangt, das in der Vergangenheit alles hätte verändern können, wäre es zu einem Zeitpunkt gekommen, als noch etwas zu verändern gewesen wäre. Wenn man jung ist, glaubt man, die Zeit bewegt sich vorwärts. Mit 80 weiß man, dass sie das nicht tut – sie steht still. Wir sind diejenigen, die sich bewegen.“ Gar nicht äußerte er sich zur dritten Frage, bei der nach einem Rat für Trump gefragt wurde. Dylan bleibt dabei. Er straft Trump durch Verachtung.
Dylan bleibt cool
Und so zeigt sich in diesem heißen Sommer – bevor im Oktober die Rückkehr des Meisters nach Europa ansteht – ein Bild von Bob Dylan ab, das uns gefällt. Abseits aller Anwürfe, aller Larmoyanz und aller angeblichen Notwendigkeiten ist Bob Dylan weiter einer der coolsten Typen auf diesem Planeten. Nicht der narzisstische Diktator im Weißen Haus oder die psychisch-deformierten, wahnsinnigen Tech Bros sind cool. Die geifern vor Hass.
Dylan dagegen bleibt stabil, bleibt menschlich, bleibt cool. Ob früher mit Sonnenbrille oder jetzt mit Hoodie.

























