250 Jahre: Happy Birthday, USA! Nachdenkliche Glückwünsche an das Land der unbegrenzten Widersprüche

Wer wie ich als Boomer mit Bonanza, Flipper und Rauchende Colts aufgewachsen ist, der hat von Anfang an die Soft Power Amerikas gespürt. Diese kulturelle Kraft, die mit Jazz und Blues, später Rock’n’Roll und Folk Revival den jungen Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg eine demokratische Kultur nahebrachte und die mit Hollywood und Vorabend-Serien auch die westdeutsche Alltagskultur prägte.
Dabei wurden die amerikanischen Widersprüche glatt weggebügelt. Während der Rock’n’Roll nach Europa schwappte und neben dem weißen Elvis auch die schwarzen Chuck Berrry und Little Richard zu Idolen wurden, versuchte der Ku Klux Klan jedwede Politik der Rassengleichheit mit Gewalt zu sabotieren. Und während Folk und Rockmusik „Made in USA“ die Jugend in Westdeutschland eroberte, führten die USA einen sinnlosen und brutalen Krieg in Vietnam.
Widersprüche: Soft Power und sinnlose Kriege
Diese Widersprüche musste man auszuhalten. Denn das Demokratie- und das Glücksversprechen der Gründerväter das steht schwarz und weiß geschrieben und ist in der Welt, auch wenn diese Gründerväter Sklavenhalter waren und spätere Regierungen diese Versprechen immer wieder konterkarierten, siehe auch die Kriege und den Landraub zu Lasten der Native Americans. Dieses Land ist auch nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – vom Tellerwäscher zum Millionär war schon immer die Ausnahme – sondern das Land der unbegrenzten Widersprüche.
Wie im Brennglas verdichtet macht sich das seit jeher in den Südstaaten deutlich, die gleichermaßen die Wiege des Schönen – Blues, Jazz, Country, Bluegrass; Rock’n’Roll – als auch des Schrecklichen – Sklaverei und Rassismus – sind. Und heutzutage sieht man in den Hochhausschluchten gleich neben den sich spiegelnden Luxusfassaden der Wolkenkratzer die Armen und Obdachlosen. Die soziale Ungleichheit haben in den USA eine atemberaubende Dimension erreicht. Das Gefälle zwischen Millionären und Milliardären und den Menschen, die mehrere Jobs machen müssen, um zu überleben, wird immer größer.
Die Gesellschaft der USA ist sozial tief gespalten. Doch während in den 1930er Jahren in der Zeit der Großen Depression Präsident Franklin D. Roosevelt mit dem New Deal eine Politik machte, die dem sozialen Zusammenhalt diente, machen MAGA und Milliardäre 90 Jahre später eine Politik, die das Gemeinwesen und den Gemeinsinn zerstören will und in der nur noch das Recht des Stärkeren gelten soll.
Progressive Tradition

Doch das Land und seine Menschen sind nicht so einfach zu unterjochen. So wie es eine Tradition von ungezügeltem Kapitalismus, Rassismus und Gewalt in den USA gibt, so gibt es auch eine Tradition von Solidarität, Gemeinschaftssinn, Vielfältigkeit und Lebensreform. Walt Whitman und Henry David Thoreau, Frederic Douglass und Mark Twain, John Steinbeck, Howard Zinn und James Baldwin sind Dichter und Denker des progressiven Amerikas, die Wobblies, Mother Jones und Bernie Sanders seine politischen Institutionen, Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez, Bob Dylan und Bruce Springsteen seine musikalischen Botschafter.
Minneapolis hat es vorgemacht: Die Communities sind nach einem Moment der Schockstarre aufgrund der Morde an Renée Good und Alex Pretti aufgestanden. Die Communities versuchen, Latinos, Asiaten, Afrikaner vor den Zugriffen von ICE zu schützen. Sie demonstrieren regelmäßig und Bruce Springsteen schaute mit einem Solidaritätskonzert vorbei. Doch auch außerhalb des nördlichen Bundestaates gingen Millionen von Menschen bei den „No Kings“-Demonstrationen auf die Straßen. Und dort zeigte sich mit Jesse Welles ein Künstler, der die Fackel von Guthrie, Seeger und Dylan weiterträgt.
Mittlerweile verzweifeln viele Trump-Wähler am Chaos, der Inflation und dem wirtschaftlichen Niedergang den Trump zu verantworten hat. Im Hochbau, in der Automobilbranche und im Agrarsektor sehen die Wirtschaftsdaten miserabel aus. Trump hat den amerikanischen Arbeitern weißgemacht, die Transformation zu verhindern und die fossile Industrie wieder stark zu machen. Doch alle Zölle nutzen nichts. Die USA hinken beidbeinig hinterher und anstatt rechtzeitig einen Strukturwechsel zu planen, regiert nur Hass und Hetze.
Die USA brauchen eine demokratische Alternative
Die verbalen Ausfälle hatten für die Trump-Wählerschaft zwar anfangs noch Unterhaltungswert, doch davon kann man keine Familien ernähren. Die steigenden Preise durch die immer höhere Inflation, die durch die vom Iran-Krieg ausgelösten Energiekrise angefacht wird, führt zu einer allgemeinen Depression im Land. Die Stimmung zum 250. Geburtstag könnte schlechter nicht sein.
Von 2007 bis 2024 habe ich mehrmals das Land bereist. Erst New York City, dann die Südstaaten, Chicago, Tulsa, Oklahoma und Woodstock, New York. New York wurde immer mehr zum Moloch, zu viel, zu groß, zu hektisch. Im Süden ist es ruhiger und entspannter und die Leute sind gastfreundlich, doch unter der Oberfläche brodelt unentwegt die Vergangenheit. Es gibt in Tulsa eine linksliberale Szene rund um den Woody Guthrie Center, dem Bob Dylan Center, dem Buchladen Magic Books und dem Museum zum Massaker von 1921.

Unser letzter Besuch 2024 stand schon im Zeichen der drohenden Regentschaft von Donald Trump. Es lag schon eine bleierne Schwere über den Leuten und man hörte sie im progressiven Woodstock in großer Sorge klagen. Nun regiert er schlimmer als erwartet, aber auch handwerklich schlechter als gedacht. Außer Pomp, Aufgeblasenheit, Narzissmus und Sprunghaftigkeit ist da nichts. Sein Land führt er in den Niedergang. Der 250. Geburtstag in den USA wird inmitten einer landesweiten mentalen Depression begangen.
Doch die Menschen aus den Grassroots-Organisationen gehen auf die Straße. Die Künstler – von Neil Young, Springsteen und Baez bis hin zu Jesse Welles, Margo Price und der Old Crow Medicine Show sprechen sich gegen Trump aus. Die Wissenschaftler sowieso. Es kommt jetzt auf die Demokraten an. Amerika braucht eine modifizierte Erzählung. Leben, Freiheit, Glücksversprechen für alle ist nur dadurch herzustellen, in dem auch alle dazugehören. Und dass die, die viel haben auch viel abgeben. Ein neuer New Deal für ein buntes, solidarisches Amerika. Dies ist die Aufgabe der Demokraten und dies muss die Alternative zur weißen, rechten Retro-Show sein. Damit sich Woody Guthries „This Land Is Your Land“ auch wirklich erfüllt.
In dieses Amerika werde ich gerne wieder reisen.