Auf der Suche nach einem neuen Live-Sound hat Bob Dylan drei Gitarristen gefunden, die Jazz und Swing spielen können. Aber wer kommt mit nach Europa?

„Bob Britt und Doug Lancio ordnen sich ohne jegliche Soloallüren in die geschlossene Mannschaftsleistung ein, wie man im Fußball wohl sagen würde“, schrieb ich im vergangenen Herbst in einem Bericht über die beiden Brüsseler Konzerte, die ich Ende Oktober 2025 miterleben durfte. Dies war deren Aufgabe während der „Rough And Rowdy Ways-Tour“ 2021 bis 2024, die noch bis Herbst 2025 verlängert wurde und die auch im Frühjahr noch den US-Konzerten den Namen gab. Die derzeitige Sommertour heißt aber „Hot Long Summer Tour“ unter Insidern oder schlicht „North America 2026 – Bob Dylan in Concert!“ wie es auf bobdylan.com heißt. Dazu kein Bild vom Skelett mehr, sondern ein gutaussehender Dylan auf einem Foto, da auch schon wieder einige Jahre alt ist.
Dylan baut Band mitten in der Tournee um
„Rought And Rowdy Ways“ ist also endgültig zu Ende. Doch Dylans neue musikalische Eingebung lief nicht zeitlich parallel ab. Erst im Sommer musste ihm klar geworden sein, dass er einen neuen Sound wollte, der mit Britt und Lancio nicht bekommen könnte. Wir erinnern uns, dass schon in Brüssel Dylan sich hin und wieder über Britt ärgerte. Im Sommer dieses Jahres muss die Einsicht bei Dylan und seine spürbare schlechte Laune so groß geworden sein, dass erst Lancio nach dem zweiten Konzert in Berkeley am 14. Juni den Absprung machte, durch Julian Lage ersetzt wurde und Britt nach dem 26. Juni den Dienst quittierte. Und weil Julian eigene Konzerttermine hatte, sprang am 29. Juni Joel Paterson als Ersatz ins kalte Wasser. Einige Dates lang sogar als einziger Gitarrist einer nur noch vierköpfigen Band. Am 8. Juli stieß dann wieder Julian Lage dazu, nur um am 10. Juli vom dritten neuen Gitarristen Jad Tariq ersetzt zu werden. Seitdem ist wechseln sich Julian und Jad immer mal wieder ab, während Paterson die sichere Bank ist.
Jazz-Wunderkind Julian Lage
Für viele Kritiker ist die Mitwirkung des einstigen „Jazz-Wunderkindes“ Lage – seine ersten Auftritte absolvierte der im Alter von sechs Jahren – die größte Sensation und er wird als der beste Gitarrist gehypt. Er ist unter Jazzkenner-Kreisen absolut anerkannt und hat eine eigene Karriere vorzuweisen, die ihn auch immer mal wieder nach Europa führt. Dass Dylan ihn ausgewählt hat, zeigt, dass er an einem jazzigen, swingenden Sound Interesse hat.
Da aber Jazz für mich per se nichts hochwertigeres als Folk, Blues und Country ist – siehe auch die schwachsinnige Unterscheidung in E- und U-Musik – interessieren mich persönlich die beiden Roots-Gitarristen ein kleines bisschen mehr. Denn die beiden machen auf Roots-Basis immer wieder Ausflüge in den Jazz- und Swing-Bereich.
Joel Paterson spielte mit Pokey LaFarge
Joel Paterson stammt aus der Roots Music-Szene von Chicago hat dort u.a. schon mit J.D. McPherson und Pokey LaFarge aufgenommen. Er ist ein versierter „Guitar Picker“ und spielt eine ganz spezielle Mischung aus Country, Blues, Rockabilly sowie Jazz und Western Swing. Zu seinen Vorbildern gehören u.a. auch Merle Travis und Chet Atkins, bekannt für ihr Picking-Spiel. Und auch Atkins unternahm Ausflüge in Jazz und Western Swing.
Jad Tariq: Rhythm & Blues-Held aus Memphis
Ja Tariq kommt aus der Rhythm & Blues-Szene von Memphis. Auch sein Gitarrenspiel hat einen swingenden Jazz-Rhythmus. Auch er begann schon früh die Bühnen zu erobern, er hatte schon mit 12 Jahre seine ersten Auftritte in Bars und Kneipen. Er ist ein ziemlich kompletter Musiker. Ein hervorragender Gitarrist, Songwriter und Sänger. Aber auch einer, der als Sidemen weiß, sich zurückzunehmen. Der das in einem Interview geradezu als Tugend dargestellt hat. Kann sein, dass ihn das bei Dylan in den Fokus rücken ließ. Denn das Duke Robillard-Trauma bei Dylan scheint tief zu sitzen.
In der Rough And Rowdy Ways-Tour waren die Gitarristen für den Klangteppich zuständig auf dem Dylan seine Klaviervariationen ausspielen durfte. Nun hat er wieder an Gitarristen Interesse, die eine eigene Kontur besitzen und auch immer wieder Soli spielen dürfen und sollen. Und schon verändert sich der Sound. Swingend, jazzig, gleitend, schwebend mit feinem picking. Und Songs wie „Tryin‘ To GetT o Heaven (Before They Closed The Door)” profitieren davon. Und Dylans Performance gewinnt dabei.
Die Musik verändert sich
Kurzum: Da scheint sich etwas zu entwickeln. Dylans Konzertreisen waren schon oft auch öffentliches Ausprobieren. Man darf gespannt sein, wen Dylan im Herbst in Europa dabeihat, und ob eine neue Freude an der Musik Dylan vielleicht Lust macht, auch mal wieder ins Studio zu gehen.