Bob Dylans schwierige 1980er Jahre

Dylans Kampf mit den Zeitläufen und sich selbst. Trotzdem gibt es eine ganze Reihe von Songperlen aus dieser Zeit. Ein Konzert in Darmstadt am 12. November fördert sie zutage.

Copyright: Sony Music

Der Zeitraum von Herbst 1987 bis Anfang 1989 war wohl der, in dem ich am weitesten von Bob Dylan entfernt war. Der grottige Auftritt bei Live Aid im Juli 1985, Das merkwürdig uninspirierte Album „Knocked Out Loaded“ 1986 und vor allem das wirklich grausliche Frankfurter Festhallen-Konzert am 28. September 1987 hatten mich wirklich mürbe gemacht. Ich ließ mir im Juni 1985 noch das allzu süße, klingelige „Empire Burlesque“ gefallen, das immerhin, meiner Erinnerung nach, einen eigenen Beitrag in Aspekte bekam mit Dave Stewarts Video zu „When The Night Comes Falling From The Sky“ drin. Aber diese lustlose Nölerei auf der Bühne in Frankfurt – so dachte ich damals – berührt mich nun wirklich nicht mehr.

Dylan verliert den Anschluss

Tatsächlich hatte Dylan seinen künstlerischen Kompass längst verloren. Was hatte ich mich gefreut, als er 1981ff. von den Evangelikalen wieder zurück ins richtige Leben kam. Und „Infidels“ war ja auch eine qualifizierte Rückkehr. Auch wenn er den besten Song dieser Zeit und einen seiner besten überhaupt – „Blind Willie McTell“ – gar nicht mit auf das Album nahm. Aber was dann passiert, war schon schwierig. Amerika veränderte sich unter Reagan zusehends, der kommerzielle Pop von Michael Jackson war der Soundtrack der 1980er. Peter Pan statt Woody Guthrie. Eskapismus statt Auseinandersetzung.

Zudem veränderten sich die Aufnahmetechniken. Dylan kam nicht mehr mit. Er fand einfach keine adäquate künstlerische Ausdrucksform. Das Ergebnis waren auf „Empire Burlesque“ bis auf wenige Ausnahmen („Dark Eyes“!) vernachlässigenswerte Songs, die er auch noch kaputt produzieren ließ. Im Juni dieses Album, im Juli sein Live Aid Horror. Der Farm Aid-Triumph und die Tour mit Tom Petty & The Heartbreakers 1986, kam bei mir erst zeitverzögert an, als das 1987er Konzert anstand und ich mir sogar Platten von Petty besorgte. Umso größer die Enttäuschung in der Festhalle.

Weit weg von Dylan

Da war es kein Wunder, dass ich vom 1988er Album „Down In The Groove“ erst erfuhr, als es schon ein bisschen auf dem Markt war. Ich sah es zufällig bei einer Luxemburg-Reise im Schaufenster. Aber auch hier: einmal aufgelegt, dann ins Regal geräumt. Erst Anfang 1989 brachte mich ein Freund auf den Trichter: Die Traveling Wilburys. Und tatsächlich ragte Dylan als Sänger und Texter da raus und gab dem Freundeskreis-Pop-Rock die notwendige Tiefe, so dass das Ganze zu einem durchschlagenden Erfolg wurde. Beflügelt davon kaufte ich mir das gerade veröffentlichte „Dylan & The Dead“ und dachte mir, jetzt nölt er nicht nur, jetzt ist er auch noch sediert. Für mich das überflüssigste Dylan-Album aller Zeiten. Die Aufnahmen vom Sommer 1987 dokumentieren das unheilvolle Zusammentreffen vom Burn-out-Dylan mit dem ziellosen Gitarren-Gefuddel der der Grateful Dead. Kaum auszuhalten. Da war er eben in der gleichen Form wie später in Frankfurt. Heute wissen wir ja, dass Dylan dann erst im Oktober 1987 seinen Moment hatte, als er sich selber aus dem Sumpf zog.

Copyright: Sony Music

Meiner Erinnerung nach, war dann bei mir wieder eine Dylan-Lücke. 1989 und 1990 gab es einschneidende Veränderungen, die mich sehr beschäftigten. Weltpolitisch – die poststalinistische Herrschaft in Osteuropa brach zusammen und Deutschlands Zweiteilung endete – sowie auch persönlich: Ich schloss im Sommer 1990 mein Studium der Politikwissenschaft ab. Also verpasste ich „Oh Mercy“ und kam erst mit dem ungleich leichtgewichtigeren „Under The Red Sky“ zurück ins Spiel. Mir gefiel das Album damals und es gefällt mir heute noch. „Born In Time“ war mein Favorit und spielte ihn immer wieder meiner damaligen neuen Freundin und heutigen Frau vor. Und dann begann meine Dylan-Leidenschaft erst so richtig. Doch das ist eine andere Geschichte.

12. November in Darmstadt: Songperlen aus einer schwierigen Zeit

Heute weiß ich, welche tollen Songs sich hinter der schlimmen Oberfläche von Dylans Wirken in den 1980ern verbargen. Songs, die entweder verunstaltet oder verspätet das Licht der Welt erblickten. Da war die Bootleg Series ein wahres El Dorado für alle Dylan-Fans. Auch für mich.

Thomas Waldherr, Julia van Embers, Dan Dietrich, Martin Grieben (Fotos: Gross, Fauzia)

Diese Songs bringen Julia van Embers, Dan Dietrich, Martin Grieben und ich am 12. November auf die Bühne des Darmstädter Keller-Klubs im Schloss: „Blind Willie McTell“, „Carribean Winds“, „Brownsville Girl“, „Dignity“ und viele Songperlen mehr stehen auf unserem Programm. Dazwischen werden wir einiges über Dylan in den 1980er Jahren erzählen. Wir freuen uns schon sehr auf diese spannende und unterhaltsame Zeitreise. Tickets dazu gibt es hier: https://www.keller-klub.de/12-11-26-20-30-uhr-bob-dylan-in-the-summertime/

Eine der Songperlen:

Hinterlasse einen Kommentar