Wahrscheinlich sind sie die beiden einflussreichsten US-amerikanischen Songwriter überhaupt: Bob Dylan und Stephen Foster. Beide haben ihre Wirkung zu ganz unterschiedlichen Zeiten entfaltet. Und Dylan bezieht sich immer wieder direkt auf den heute nicht unumstrittenen Foster.
Stephen Collins Foster ist ein Kind der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den USA. Ganz selbstverständlich wächst er in Pittsburgh in einer wohlhabenden Familie auf. Und ganz selbstverständlich scheinbar auch mit der Sklaverei in den Südstaaten, der aber nur einmal wirklich bereisen sollte. Er ist ein großes musikalisches Talent, in dem er die klassische europäische Musikausbildung mit der Musik der schwarzen Hafenarbeiter, die er als Heranwachsender hört und aufsaugt, mischt. So entsteht „die erste wirkliche amerikanische Musik“ wie der Musikforscher Charles Hamm schreibt. Eine Musik, von der aber erst einmal nur die Weißen profitieren, da sie vor allem in den Black Face Minstrel Shows gespielt wird, in denen keine Schwarzen auftreten, sondern Weiße, die sich schwarz färben und rassistische Stereotype in derben Witzen absondern.

Foster als widersprüchlicher Künstler
Doch Fosters Sache sind diese rassistischen Reden nicht. Er schreibt Songs, die den Süden romantisieren und gleichzeitig schwarzen Menschen Seele, Herz und Verstand geben. Bereits 1849 komponiert er „Nelly Was A Lady“, in dem ein schwarzer Mann seine tote Frau beklagt. Eine schwarze Frau, die von Foster als „Lady“ bezeichnet ist in diesen Zeiten ungewöhnlich. Erst 1852 erschien „Onkel Tom’s Hütte von Harriet Beecher Stowe, das den Gegnern der Sklaverei Aufwind gab und Foster direkt zu „My Old Kentucky Home“ inspirierte. Für den zu dieser führenden Zeit afroamerikanischen Intellektuellen und Politiker Frederic Douglass waren Fosters Songs sogar ein gewichtiges Pfund im Kampf gegen die Sklaverei, da sie Empathie für das Leid der Schwarzen erzeugen würden.

Doch Foster hat sich nicht abolitionistisch betätigt und unterstützte in Wahlkampagnen die Demokraten, die für die Sklaverei waren. Auch Foster war ein widersprüchlicher Künstler. Einer der sehr wohl die Grenzen der herrschenden Konventionen überschritt, um im nächsten Moment dann doch ihre Grundfesten verteidigte. War es ehrliche Anteilnahme am Schicksal der Schwarzen, der ihn diese Lieder schreiben ließ oder der Geschäftssinn nach dem Erfolg von „Onkel Tom’s Hütte“? Dagegen sprich das Entstehungsdatum von „Nelly Was A Lay“. Aber gleichzeitig verhielt er sich politisch opportunistisch, zu sehr war auch familiär mit den Demokraten verbandelt. Viele Fragen kommen da auf, die man schwer mit ja und nein beantworten kann und die in viele Grauzonen vorstoßen.
Fosters unbestrittene Songwriter-Künste
Was aber bleibt sind seine Songs und seine Songwriter-Künste. Die sind unbestritten. Auch afroamerikanische Künstler wie Paul Robeson, Ray Charles oder Mavis Staples haben immer wieder Fosters Songs gesungen. Rhiannon Giddens hat es so beschrieben: „Was auch immer man Foster und seiner Musik anhaben mochte“, sagte Giddens: „Der Mann konnte Melodien schreiben.“ Und nicht nur das. Bob Dylan hat in seinem Buch „Die Philosophie des modernen Songs“ (2022) „Nelly Was A Lay“ aufgenommen und bezeichnet ihn als den traurigsten Song, den man sich vorstellen könne. Und wer mit seinen Songs solche Gefühle auslösen, der versteht sein Handwerk. Und so sagt Dylan denn auch: „Wer Songwriter werden will, sollte sich so viel Folkmusik wie möglich anhören und die Form sowie den Aufbau von Stücken studieren, die es schon seit 100 Jahren gibt. Ich orientiere mich an Stephen Foster.“
Und so hat er sich beispielsweise 1992 auf seinem rein akustischen Album „Good As I Been To You“ dem Foster-Stück „Hard Times (Come Again No More)“ angenommen. Dieses Stück -obwohl auf eine konkrete Situation bezogen – hat durch seine großartige Lyrik längst eine universelle Bedeutung als Lied über die Hoffnung auf das Ende jeglichen Elends erlangt. Genauso wie „My Old Kentucky Home“ längst als universelle Aussage über den Verlust des Zuhauses und der Heimatlosigkeit geworden ist. John Prine hat hiervon eine wunderbare Fassung veröffentlicht.
Noch schöner als Dylans Albumversion von „Hard Times“ ist seine Live-Darbietung beim TV Special zu Willie Nelsons“ 60. Geburtstag. Begleitet von seiner Tourband und Marty Stuart an der Mandoline spielt er herzzerreißende Version des Songs, die dem im Song ausgedrückten Optimismus nicht zu trauen scheint. Nicht ohne Grund mag man angesichts der Zustände in der Welt da denken.
Stephen-Foster-Abend in Darmstadt am 7. November

Wer tiefer in die Welt den „Stephen-Foster-Komplex eintauchen will, dem sei der musikalisch-literarische Abend „The Songs, Life & Times Of Stephen Foster empfohlen. Am Samstag, 7. November tragen Anette Koppe-Heinrich (Klavier) und Ralph Dillmann (Gesang) Fosters Lieder vor und der Autor und Kulturvermittler Thomas Waldherr wird über Leben und Karriere Fosters vor dem Zeithintergrund von Sklaverei, Abolitionismus und Bürgerkrieg erzählen und sich auf eine kritische Spurensuche begeben. Die Veranstaltung im Darmstädter Baltenhaus (Herdweg 79) beginnt um 19 Uhr, der Eintritt beträgt 15 Euro an der Abendkasse.
https://www.deutsch-balten.com/events/the-songs-life-and-times-of-stephen-foster-1