39-CD-Box der Rolling Thunder Revue 1976 bringt Licht ins Dunkel dieses Dylan-Kapitels

Die Rolling Thunder Revue von 1976 bleibt bei für immer in meinem Gedächtnis, weil ich doch tatsächlich im Juli 1977 den Konzertfilm „Hard Rain“ zur Prime Time in der ARD schauen durfte. Ich fand ihn ebenso faszinierend wie das Album gleichen Namens vom selben Konzert in Fort Collins, Colorado. Was mich beeindruckte war diese ungeheure kraftvolle Energie von Dylan. Selbst zärtliche Lieder wie „Lay Lady Lay“ wurden zu unzweideutigen Ansagen, „Idiot Wind“ eine einzige bitterböse Abrechnung mit der verlorenen Liebe und der Welt an sich. Dylans Performances auch dieser Tour gehören zu den Besten von ihm überhaupt. Und dennoch blieb dieses Kapitel von Dylans Karriere im Gegensatz zum ersten Teil der Rolling Thunder Revue (RTR) seltsam wenig beleuchtet. Vielleicht weil es so ziellos im Mittleren Westen versandete und irgendwie abrupt endete.
Dank an alle Beteiligten für die Veröffentlichung
Nun ist also eine 39-CD-Box mit allen Live-Aufnahmen von 1976 erschienen. Pünktlich zum Jubiläum „50 Jahre Rolling Thunder Revue II“. Man muss den Initiatoren und Produzenten dieser außerhalb der Bootleg Series – ist die jetzt zu Ende? – wirklich danken. Die Produzentenlegende Steve Berkowitz, der Bob Dylan Center in Tulsa, OK & die Kaiser Foundation sowie Product Manager Jeroen van der Meer haben hier ein musikhistorisches Kabinettstück hervorgezaubert. Dylan-Kenner Mikal Gilmore, der Dylan publizistisch seit fünf Jahrzenten als Rolling Stone-Autor begleitet hat kenntnisreiche Liner Notes beigesteuert und Tour-Weggefährten wie T Bone Burnett und Rob Stoner kommen mit Eindrücken aus erster Hand zu Wort. Auch hier fällt wie schon beim Dylan-Film auf, dass Dylan selber mindestens eine lange Leine lässt, vielleicht aus gar nicht tiefer eingebunden ist in das Projekt. Denn Gilmores Worte stellen Dylan ziemlich ungeschönt dar.
Gilmore erfasst den Kern der Geschichte. RTR I und RTR II haben gleichen Namen und oberflächlich betrachtet das gleiche Konzept. Nur hatte der Kapitän und Steuermann des Dampfers bei der zweiten Tour eine ganz andere Gemütsverfassung. Der Dylan von 1975 belebte alte Folkie-Netzwerke wieder und absorbierte die damals neue Energie der New Yorker Musikszene – New Wave und Punk kündigten sich an und Patti Smith sollte deren Priesterin und Galionsfigur werden – und wandelte sie in Kreativität für seine Musikertruppe. Doch leider kam Patti nicht auf Tour, so konnte Dylans RTR I nicht den Anschluss an ein jüngeres Publikum gewinnen. Und wurde so eher zu einer fulminanten Abschiedsshow von den Träumen der Sixties. Das waren Sternstunden in Dylans Karriere als Performing Artist, der auch abseits der Bühne aufgeräumt, zugänglich und ein absoluter Teamplayer war.
Zwei ganz verschiedene Dylans, zwei ganz verschiedene Touren
Ein ganz anderes Bild, so Rob Stoner, zeigte sich im Frühjahr 1976. Dylan war ein ganz anderer Mensch. Er kam nicht zu den Proben, er fällte einsame Entschlüsse, wirkte schlechtlaunig und nervte alle an der Tour Beteiligten. Die endgültige Trennung von Sara musste ihn sehr getroffen haben, möglicherweise hatte ihn auch die umfangreichen Arbeiten an „Renaldo & Clara“ zusätzlich die Laune verhagelt. Doch er wandelte seinen Frust in „dunkle Energie“ und so sind diese wütenden, schimpfenden, lautstarken Auftritte des Frühjahrs 1976 denn auch hörenswerte, großartige Zeugnisse des Live-Künstlers Bob Dylan. T Bone Burnette schreibt im Booklet, das die RTR den Weg für den Punk bereitet hatte. Das kann man durchaus so sehen. Denn auf alle Fälle hat sich Dylan bei der zweiten Tournee durchaus als böser, lauter, pöbelnder Fast-Punk-Rocker inszeniert und die Arrangements ungleich härter ausgerichtet als im Herbst 1975. Allein das macht die Konzerte schon historisch. Dass sie Jahrzehnte stiefmütterlich behandelt wurden liegt sicherlich an den schlecht besuchten Konzerten im Süden und Mittleren Westen der USA und dem abrupten Ende irgendwo im Nirgendwo. Diese Tour hatte kein Narrativ, kein außen fassbares Ziel und Konzept.
Dylan laut, rau und böse – faszinierende und historische Aufnahmen
Doch Dylan hatte einen funktionierenden inneren künstlerischen Kompass. Der sagte ihm auch richtigerweise, dass die in Florida aufgezeichnete Konzert-TV-Show nicht veröffentlicht werden sollte. Setting und filmische Umsetzung passten einfach nicht zu Dylans Kunst. Also setzte er alles auf eine Karte und gewann. Ich finde den Konzertfilm, der als NBC-TV-Special in den USA gesendet und wurde und dann 1977 auch den Weg ins deutsche TV-Programm fand heute immer noch – man kann ihn auf youtube sehen, siehe unten – mitreißend. Auch wenn ich mich natürlich an damaliges Kritikergenörgel erinnern kann. Das war damals einfach der Zeitgeist und setzte sich bei den Touren 1978 und 1981 auch so fort. Dagegen sind heutige Kritiken in deutschen Gazetten oftmals fast schon hymnisch und verklärend.
Wie auch immer. Ich freue mich über auf alle Fälle über diese Erlebnis-Box. Die ersten CDs in toller Klangqualität sind bereits gehört. Das Booklet ist bestaunt und die ausführliche Beschäftigung wird spätestes an den kommenden langen Winterabenden geschehen. Und wenn ich drei Wünsche frei hätte, würde ich mir Album und Video und Fotobuch von Dylans Auftritt 2019 in Stuttgart wünschen. Auf alle Fälle wäre ein Tourmitschnitt aus der jüngeren Vergangenheit jetzt endlich mal eine Maßnahme.