Die Nacht vor Halloween

Bob Dylans Konzert in Esch Sur Alzette: Selten klang die Gewissheit der Endlichkeit so beschwingt und entspannt

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Punkt 20 Uhr betritt Dylan – in den nächsten zehn bis fünfzehn Minuten werden noch unzählige Zuschauende auf ihre vorher verwaisten Plätze hasten – die Bühne der Rockhal im luxemburgischen Esch Sur Alzette. Staksig, ganz in schwarz mit Kapuze überm Kopf, sieht er selber aus wie der „Black Rider“, den er später besingen wird. „I’ve Been In The Job Too Long“ singt er da und meint vielleicht sich selbst. Doch mittlerweile ist es scheinbar zu spät, um aufzuhören. Deshalb stellt sich allen die Frage: Wird Dylan spielen, bis es nicht mehr geht, oder wird da, wie die Promotexte zur Tour es suggerieren, das letzte Kapitel seiner Karriere aufgeschlagen?

Düstere Themen in beschwingter Verpackung

Die Frage lässt sich aber nach diesem Konzert keinesfalls eindeutig beantworten. Die Themen sind düster, haben viel mit Endlichkeit, mit Rückblick zu tun, die Texte sind oftmals dunkel. Allein fünf Songs von „Time Out Of Mind“, das schon vor fast 30 Jahren einen morbiden Charme versprühte befinden sich auf der Setlist: „Love Sick“, „Not Dark Yet“, „Trying Ro Get To Heaven (Before they Closed The Door)“, „Highwater Everywhere“ und „Million Miles“. Nur noch drei Songs von Rough And Rowdy Ways, dazu andere Songs aus sechs Jahrzehnten, die die Themen Endlichkeit, Lebensbilanz und unerfüllte Liebe aus verschiedenen Perspektiven ausleuchten. Dylans Verkleidung und die Düsternis manches Songs passen zum bevorstehenden Halloween, doch die Musik, die dazu erklingt ist auffällig beschwingt und entspannt. Dylan weiß, dass auch seine Zeit irgendwann zu Ende gehen wird und hat diese Endlichkeit angenommen. Mehr noch: Er macht große Kunst daraus.

Hochwasser als Endzeit-Metapher

Dylan beginnt den Abend mit „Watching The River Flow“, der nun natürlich auf den alten Bob Dylan gemünzt ist, der mehr beobachtet, als selbst aktiv zu sein. „It Ain’t Me Babe“ ist natürlich programmatische Ansage für alle, die sich hinter ihm versammeln wollen. Dann kommt „Tryin‘ To Get To Heaven“, hauchzart gesungen, der leise, stoische Humor wird mit dem Alter immer feiner.

Nachdem Dylan auf dieser Tour bereits Randy Newmans „Louisiana 1927“ und sein eigenes „Crash On The Levee“ gespielt hat, holt er nun „Highwater Everywhere“ wieder hervor. Dylan hat es mit dem Hochwasser als Endzeit-Metapher. „Highwater“ hat er an diesem Abend eine schönes Arrangement gesteckt. Weniger Roots, kein Banjo, musikalisch leicht kommt es daher und kontrastiert damit den Text.

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„Tangled Up In Blue“ ist sowas wie Dylans “Lebenssong”. Nicht sein größter Hit, aber einer der zentralen Songs des Liederschreibers aus Minnesota. Die Themen sind unerfüllte Liebe, ewige Wanderschaft, Die Landschaften Nordamerikas und die Hoffnungen und Enttäuschungen seiner Generation. Wenn man so will, fusioniert er darin Woody Guthries „This Land Is Your Land“ mit Johnny Cashs „Big River“, indem er deren Motive in seine Erzählweise der vielfältigen Perspektiven und surrealistischen Bildsprache, die dieses Roadmovie über seine Generation prägt, aufnimmt. Die Fassung dieser Tour knüpft an die langsame Version von 1978 an. War damals der Verlust von Sara und die Trauer darüber der Grund für die Verlangsamung, ist es nun die Gewissheit, dass diese Geschichte nun bald wirklich auserzählt ist. Die Traurigkeit ist hier zugunsten einer melancholischen Einsicht gewichen.

Dylan und der neue Gitarrist in Interaktion

Zwei große Höhepunkte kommen dann noch im hinteren Teil des Programms. Jerry Lee Lewis‘ „I Can’t Seem To Say Goodbye“ wird als unwiderstehlich schluchzender Country-Waltz dargeboten. Und “Under The Red Sky“ vom gleichnamigen „Kinderlieder-Album“ von 1990 wird von Dylan mit einer großartigen Gesangsleistung belohnt, die zeigt, wie wichtig ihm dieser Song ist. Jedes Wort, jede Silbe wird kraftvoll und verständlich intoniert. Sind das die Kindheitserinnerungen, die im Alter zurückkehren oder ein Liebesbeweis für seine Tochter Desiree Gabrielle, der er das Album damals gewidmet hat?

Hier wie auch in vielen anderen Songs wird der neue Gitarrist Mike Seal von Dylan immer wieder zu Soli ermuntert. Die spielt er richtig gut und erntet damit immer wieder Szenenapplaus.  Überhaupt spielt sich melodisch alles auf der linken Seite der Bühne zwischen Seal und Dylan ab. In vielen Stücken umgarnen sich Klavier und Gitarre im Call und Response, manchmal jagen sie sich gar. Die rechte Hälfte der Bühne mit Tony Garnier, Drummer Antony Fig und auch dem zweiten Gitarristen Joel Paterson ist dagegen ausschließlich für das Rhythmus-Fundament zuständig.

Auch dieses Mal beendet Dylan den Set mit „Every Grain Of Sand“. Auch hier beweist er, dass ihm das Klavier momentan wichtiger als die Mundharmonika ist. Er spielt vor der letzten Strophe ein ausgiebiges inspiriertes Klaviersolo, während er ganz Schluss eher ein pflichtschuldiges Mundharmonika-Solo bläst.

Jedes weitere Konzert eine Zugabe

Dylan beendet das Konzert, steht einen langen Augenblick mit dem Rücken zum Publikum, ehe er sich umdreht und dann mit den Zeigefingern auf das Publikum deutet, und dann mit beide den Händen seine Band hervorhebt. Dann stakst er in den Bühnenhintergrund, hält sich, so gut es geht, an Mikrofonständern und Treppengeländer fest und geht nach links ab, während die Band nach rechts abgeht.

So endet dieser Vor-Halloween-Abend mit stehenden Ovationen und einem Dylan, der sparsam Showeinlagen einstreut. Wie lange wir das noch erleben dürfen? Darüber denken wir heute nicht länger nach, sondern erfreuen uns am hier und jetzt Wir verstehen mittlerweile ohnehin jedes weitere Konzert als Zugabe und sind daher ebenso entspannt wie der Meister selbst.

Setlist, Esch Sur Alzette, 30. Oktober 2026

1.          Watching The River Flow

2.         Love Sick

3.         It Ain’t Me, Babe

4.         Tryin‘ To Get To Heaven

5.         High Water (For Charley Patton)

6.         I Can Tell (song by Samuel Smith)

7.         Black Rider

8.         Tangled Up In Blue

9.         When I Paint My Masterpiece

10.       Not Dark Yet

11.       I Can’t Seem To Say Goodbye (song written by Don Robertson)

12.       Early Roman Kings

13.       Soon After Midnight

14.       Million Miles

15.       Under the Red Sky

16.       I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You

17.       Goodbye Jimmy Reed

18.       Every Grain Of Sand

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