Michael Moravek: GEORG

Der Ravensburger Singer-Songwriter veröffentlicht ein Album mit Songs zum Hitler-Attentäter Georg Elser

Copyright: Michael Moravek, TYXart

Die Männer des 20. Juli 1944 – Adelige, Offiziere und Politiker – haben sich in das kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik lange Zeit als der Ausdruck des Widerstands gegen den Nationalsozialismus eingebrannt. In der DDR war es die Widerstandszelle der „Roten Kapelle“, die die offizielle Geschichtsschreibung bestimmte. Unter den Teppich gekehrt wurde da oftmals der alltägliche Widerstand vieler tapferer Menschen, oftmals Arbeiter oder Handwerker.

Georg Elser: Lange Zeit verfemt und vergessen

Geradezu verfemt und scheinbar gewollt vergessen war in beiden deutschen Staaten über Jahrzehnte der Hitler-Attentäter Georg Elser. Der unter einfachen Bedingungen in Württemberg aufgewachsene Handwerker scheiterte am 8. November 1939 in München nur knapp an seinem Plan des Tyrannenmords. Von den Nazis im KZ hingerichtet, wurde er später mal als Handlanger der Nazis, mal als obskure Persönlichkeit dargestellt. Erst ab 1969 begann sich die Einstellung gegenüber Elser zu ändern. Doch auch wenn es mittlerweile die ein oder andere Georg-Elser-Straße in der Republik gibt – noch immer ist Elser nicht wirklich als positive Figur des Widerstands breit anerkannt.

Songzyklus zum Bühnenstück

Der Ravensburger Singer-Songwriter Michael Moravek – einer der poetischsten Vertreter des Americana-Genres hierzulande –  und der Konstanzer Schauspieler Bernd Wengert haben sich 2024 der Geschichte Elsers mit dem Bühnenstück „13 Minuten – Wie Georg Elser beinahe die Welt verändert hätte“ angenommen. Zu diesem Stück entstand auch ein Songzyklus in deutscher Sprache, den Moravek nun mit seiner Band „Electric Traveling Show“ neu aufgenommen und unter dem Titel „GEORG“ als Album am 10. April, anlässlich Elsers Todestages am 9. April, veröffentlichen wird.

In seinen Songs versucht er den Georg Elser abseits der Geschichtsschreibung, der Verhörprotokolle, der Kriminalakten lebendig werden zu lassen und ihm nahezukommen. Georg Elser war ein einfacher Mensch, er schrieb kein Tagebuch, keine Briefe. Doch aus dem Umstand, dass er den Tyrannen beseitigen wollte und dass er alles tat um die wenigen ihm nahestehenden Menschen zu schützen ergibt sich Umrisse eines Menschen, der Verantwortung und Verpflichtung fühlte, weil er menschlich war.

Michael Moravek versucht in seinen Songs diesem Menschen und seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Ein Vorhaben, dass durchaus auch seine Risiken hat. Doch indem er Elser erst einmal als Mensch mit Gefühlen und nicht als politischen Widerstandskämpfer in den Blick nimmt, gelingt das Vorhaben glaubhaft und wird von Song zu Song spannender und eindringlicher.

Den Gedanken Georg Elsers Ausdruck verleihen

Der Eingangstrack „Postkarte aus München“ bringt den Ausnahmezustand des Tyrannenmords, die Postkartenschönheit Münchens und die Sehnsucht nach friedlichen Zeiten zusammen. Weil die Welt eigentlich schön ist und weil die Menschen wieder froh sein sollen, muss er den Despoten töten.

„Georg Elser“ stellt die richtigen Fragen nach diesem schwer fassbaren Menschen. „Wie spät ist es jetzt und wo bist Du?“ sowie „Marie“ rücken die Menschen, die Elser nahestehen in den Fokus. Hauchzarte Annäherungen, Elser in den Mund gelegt, Zeugnisse eines Einzelgängers, der sicher liebte, aber sich mit seinen Gefühlen wohl schwertat.

Poesie mal tief, mal gespenstisch

Dann wieder erzählt Moravek in seiner ganz eigenen tiefen Poesie in „Schlaf, Müder Mann“ von der Anstrengung dem Hier und Jetzt entfliehen zu wollen. Einer der Höhepunkte des Albums ist dann Höllenmaschine. Moravek übersetzt die große Ausdauer und Präzision, die Elser beim Bau der Bombe an den Tag legte in gespenstisch anmutende Lyrik.

Der Songzyklus endet schließlich mit „Ich hab Dich geträumt“, der sich damit befasst, welche letzten Gedanken Elser vor seiner Hinrichtung gehabt haben könnte. Eine Hinrichtung nur wenige Wochen vor Kriegsende.

Fazit: Michael Moravek ist es gelungen, der Person Elser, dessen Beweggründe, Ängste und Zweifel in Worte und Musik zu fassen. Faszinierende Poesie, mal strahlendblau, mal dunkelgrau, mal alles dazwischen. Mit seiner bestens eingespielten Electric Traveling Show unterlegt er diese Poesie mit ebenso zarter, dann wieder eindringlicher Musik mit Americana-Anklängen.

Elser war ein Alleintäter, der schlimmes verhindern wollte und letztlich scheiterte. Kein Politaktivist, sondern ein stiller Handwerker. Mit moralischem Kompass. Es ist an uns, dessen Geschichte weiterzuerzählen. Moraveks Verdienst ist es, den Menschen Elser etwas greifbarer gemacht zu haben, ohne dessen Flüchtigkeit aufzuheben.

Erhältlich ab dem 10. April als CD, LP, Stream und Download

Trackliste:

01. Postkarte aus München

02. Georg Elser

03. Wie spät ist es wo Du jetzt bist?

04. Marie

05. Schlaf, müder Mann

06. Von der Freiheit ein Mensch zu sein

07. Höllenmaschine

08. Und brechen die Finger

09. Alles ist gut

10. Ich hör die amerikanische Artillerie

11. Ich hab dich geträumt, Elsa Härlen

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