Persönliche Erinnerungen an ein ganz besonderes Album
Es ist und bleibt für immer mein „liebstes“ Bob Dylan-Album. Denn es war mein erstes: „Desire“. Am 5. Januar 1976 ist es erschienen, wird also 50 Jahre alt. Grund genug mal in den eigenen Erinnerungen zu wühlen.

„Mit Hurricane“ fing alles an
Den Leadtrack „Hurricane“ hatte ich im Herbst 1976 erstmals im Deutsch-Unterricht an der Darmstädter Lichtenbergschule gehört. Wir beschäftigten uns mit Protestsongs. Der Song faszinierte mich. Die treibende Melodie, der packende Rhythmus und der coole und gleichzeitig engagierte und rebellische Gesang. Und natürlich das Thema des Songs: Die falsche Mordanklage gegen den Boxer Rubin „Hurricane“ Carter und den Rassismus bei Polizei und Justiz in den USA.
Auch die Macken der Platte gehören zur Erinnerung
Ich wollte mehr von diesem Bob Dylan hören. Kaufte mir eine preisgünstige israelische Pressung von „Desire“ als Sonderangebot im Kaufhof und legte sie auf meinen billigen Plattenspieler. Und wie es so ist. Das Rauschen der Platte vor und zwischen den Songs, die Reihenfolge der Songs, sogar die Macken der Platte haben sich bis heute bei mir eingeprägt. Immer wenn auf einer Kompilation „Hurricane“ endet, erwarte ich die ersten charakteristischen Klaviertöne von „Isis“. Und da bei meiner Desire-Platte immer bei „Black Diamond Bay“ in der Zeile „But the Greek said, go away, and he kicked the chair to the floor” immer die Nadel hüpfte und zweimal “But the Greek said, go away, and he kick” erklang, fehlt mir sogar diese Dopplung wenn ich den Song heute auf CD oder im PC höre.
Großartige Songs

Noch heute ist „Hurricane“ für mich der perfekte Dylan-Song und auch „Isis“, „One More Cup Of Coffee“, „Romance In Durango“, „Sara“ und eben „Black Diamond Bay“ – was würde ich dafür geben, diesen Song nochmal von Dylan live zu erleben – gehören zu meinen Favoriten lebenslang. Nur das Füllerstück „Mozambique“ und das romantisierende „Joey“ fallen da etwas ab. Erst später habe ich dann wirklich verstanden, dass Dylan für diese Songs anders als üblich hier direkt mit einem Partner, dem Off-Broadway-Regisseur Jaques Levy zusammengearbeitet hat. Erst viele Jahre später – 2009 für „Together Through Life“ – arbeitete Dylan wieder mit einem Partner an den Songs, diesmal mit dem „Grateful Dead-Texter“ Robert Hunter.
Engagiertes Musiker:innen-Ensemble unter chaotisch-genialer Führung
Das Musiker:innen-Ensemble von „Desire“ ist voller Energie, wie immer mysteriös und chaotisch-genial von Dylan zu Höchstleistungen geführt. Nur einmal in „Hurricane“ bei „And to the black folks he was just a crazy nigger” geraten sie einmal aus dem Takt, aber das verstärkt nur die Lebendigkeit der Aufnahme. Die Eigenheiten von Dylan im Studio brachte Emmylou Harris vor einigen Jahren in einem Gespräch mit mir für http://www.country.de auf den Punkt: „Mit ihm zusammenzuarbeiten war speziell. Während der Aufnahmen zu „Desire“ wurde nie darüber gesprochen, was jetzt zu tun ist, oder was später noch gemacht werden muss. Es ging einfach immer drauf los“, erinnerte sie sich.
Scarlet Rivera und „Rolling Thunder Revue”
Alles sind gestandene und erfahrene Session- und Live-Musiker, einzig Scarlet Rivera wurde für Dylan für diese Platte auf der Straße angesprochen. Ihr Violinenspiel prägt „Hurricane“, die ganze Platte und die ganze Tour. Noch heute ist bei Ihr Dankbarkeit und eine besondere Verbindung zu Dylan zu spüren: „Meine Verbindung zu Bob hat über die Jahrzehnte angehalten, in denen wir uns an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten getroffen haben. Wir werden immer verbunden bleiben“, sagte sie mir im Interview für das Dylan-Magazin „Key West“.

Über die Umstände des Entstehens der Platte und der Rolling Thunder Review habe ich dann irgendwann erstmals – lange nach ihrem Erscheinen – in der Märzausgabe 1976 des Sounds-Magazins gelesen. Dann sah ich „Renaldo & Clara“ und obwohl der Film keine einfache Kost ist, faszinierten mich die Konzertaufnahmen. Ein anderer, konventionellerer Künstler hätte das naheliegendste gemacht und dabei wahrscheinlich nur gewonnen: Einen reinen Konzertfilm der Rolling Thunder Review hätte den Kultstatus der Tour noch viel größer gemacht. Doch dieser Kultstatus ist immerhin so groß, dass der große Martin Scorsese von ein paar Jahren unter dem Titel „Rolling Thunder Revue: A Bob Dylan Story“ eine herrliche Mockumentary über diese Tour gedreht hat.
„Mein“ Dylan ist der mit Hut!
Dylan mit breitem, mit Blumen geschmücktem Hut ist für mich immer „mein“ Bob Dylan. Viel mehr als der mit Cordmütze und Arbeiterhemd, oder der mit Sonnenbrille, gepunktetem Hemd und wilden Locken. Nach „Desire“ kamen die „Greatest Hits“ und „Hard Rain“ als Musikkassetten, ehe „Street Legal“ erschien und der 78er-Konzert-Dylan in den Mittelpunkt rückte. Dann kam „Bob Dylan At Budokan“. Mit neuen Versionen der Desire-Songs „One More Cup Of Coffey” und “Oh, Sister”, letztere ebenfalls faszinierend. Im April 1979 kam es in Deutschland heraus, es folgte bereits im August „Slow Train Coming“, das Dylans Schwenk zum evangelikalen Christentum dokumentierte und mich auf eine harte Probe stellte. Doch das ist eine andere Geschichte.
Ich glaube, alle, die im Vinylzeitalter musikalisch sozialisiert wurden, können diese emotionale Story nachvollziehen. Mögen es auch unterschiedliche Alben sein, Musik ist die direkte Connection in die eigene Vergangenheit.
Danke für den sehr schönen Artikel!
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Vielen Dank, lieber Jürgen!
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