Muscles or Mussels in Brusseles?

Dylan gibt nicht auf, sein Meisterwerk malen zu wollen. Eine Vorschau auf unsere Pilgerreise zu Bob Dylan in die belgische Hauptstadt

Vorfreude auf die Brüsseler Dylan-Konzerte, Copyright der Collage: Willi Urbanski

Es geht nach Brüssel. Wir sehen dort Bob Dylan bei zwei seiner drei Konzerte in der belgischen Hauptstadt im wunderschönen Konzertsaal des Kulturzentrums BOZAR. Wie passend, hat er doch seit geraumer Zeit „When I paint my Masterpiece“ auf der Setlist.

Denn in “When I paint my Masterpiece” singt Dylan:

“I left Rome and landed in Brussels
On a plane ride so bumpy that I almost cried
Clergymen in uniform and young girls pullin’ muscles“
                                         oder heißt es nicht etwa
„Clergymen in uniform and young girls pulling mussels?“

Geistliche in Uniform und „junge Mädchen, die Muskeln spielen lassen“, oder „junge Mädchen, die Muscheln ‚ziehen‘“, also das Muschelfleisch aus der Schale holen. Ich habe immer „Mussels“ verstanden. Da war für mich naheliegend, weiß man doch, dass das eine Art Nationalgericht in Belgien ist. Doch auf bobdylan.com und in den offiziellen Songtextbüchern steht „muscles“. Aber man findet im Netz auch immer wieder „Muscheln“ (Klasse Wortspiel!).

Nach dem Meisterwerk ist vor dem Meisterwerk

Oder hat Dylan den phonetischen Witz der Doppeldeutigkeit ganz gezielt hier gestreut? Die einen sagen so, die anderen so. Ich kann mir das gut vorstellen. Dylan hat den Song 1971 erstmals aufgenommen, zu einer Zeit als er wohl intensiver über sich und seine Rolle als Künstler nachgedacht hat. Und vielleicht das erhabene Thema des Songs humorig brechen wollte. Denn in einem Interview mit Douglas Brinkley 2020 erklärte Dylan zu diesem Song: „Ich glaube, dieses Lied hat etwas mit der Welt der Klassik zu tun, mit etwas Unerreichbarem. Irgendwo, wo man jenseits seiner Erfahrung sein möchte. Etwas, das so erhaben und erstklassig ist, dass man nie wieder von diesem Berg herunterkommen könnte. Dass man das Undenkbare erreicht hat. Das versucht das Lied auszudrücken, und man muss es in diesen Kontext stellen. Doch selbst wenn man sein Meisterwerk malt, was wird man dann tun? Nun, offensichtlich muss man ein weiteres Meisterwerk malen.“

Das Konzept der Endlichkeit

Dylan gibt also auch nicht auf, sein Meisterwerk zu malen und auch diesmal wird es auf der Setlist stehen. Unter den Rezensenten seiner aktuellen Konzerte in Deutschland hat es Max Dax in der Frankfurter Rundschau sehr gut auf den Punkt gebracht: „Seit dem Start seiner Rough and Rowdy Ways Welttournee 2021 gleichen die Konzerte Bob Dylans einer stoischen, gebetsmühlenartigen Reflexion über eben die Endlichkeit des Lebens…Die Konzerte werden zur Meditation über die Unvermeidlichkeit…“ Und in dieses Konzept passt „Masterpiece“ perfekt. Das Leben ist endlich, der Versuch ein Meisterwerk zu malen lebenslang.

Andere Journalisten haben dagegen die gleiche alte Suppe neu aufgewärmt. So schreibt Danny Marques-Marcalo auf ndr.de: „Die Texte singt er oft vernuschelt. Am Klavier und hin und wieder an der Gitarre spielt er gut, nicht großartig. Drei Worte, DREI, richtet er ans Publikum: „Well, thank you“, nach einem Song.“ Kennt man die drei Sätze, kennt man die ganze Kritik. Bar jedes Interesse für die Musik des Abends weiß er nichts, aber auch gar nichts über Performance oder gar Konzeption des Konzerts erzählen. Stattdessen käut er die alten Klischees wieder. Und schreibt schlicht die Unwahrheit. Denn so gut bei Stimme und verständlich wie derzeit hat Dylan jahrzehntelang nicht gesungen. Hört Euch auf youtbube „Desolation Row“ aus dem Hamburger Konzert oder „Every Grain of Sand“ aus Kopenhagen vom Dienstag an. Man versteht alles und der Marques-Marcalo leider nichts.

In der Presse oftmals die alte Suppe

Max Dax hat also eine tolle, angemessene Kritik geschrieben. Aber was bietet die Presseschau sonst noch so? Ein freundlicher, aber wenig tiefgründiger „Kommentar“(?) von Carlotta Hensel auf hamburg.t-online.de beispielsweise. Oder ein leider nicht namentlich gekennzeichneter Artikel auf lebensart-sh.de, der sehr treffend die immer noch vorhandenen merkwürdigen Erwartungshaltungen von Teilen des Publikums aufspießt. „Dylan sagt noch nicht mal hallo!“ Potzblitz! Das geht ja gar nicht. Das schreibt der so viele Wörter in seine Texte und dann geizt er mit Small Talk. Uff! So manche Leute setzen weder die richtigen Prioritäten, noch informieren sie sich vorher. Dabei – und da wären wir wieder beim Danny vom NDR – gibt es doch genug Texte, die von Dylan abschrecken können.

Auch wieder schön ist die Hamburger Morgenpost (Mopo). Der „Super-Poet“ (!!!????) hat ein Handyverbot entlassen! Oh je, oh je. Gerade deswegen sind aber die Dylan-Konzerte so intensive, fast kammerkonzertmäßige Erlebnisse. Da gibt es kein aufgeregtes Shooting und Selfies mit Bob im Hintergrund. Und keine Leute, die von Anfang bis Ende Videos drehen und die ganze Zeit das Konzert nur über das Display sehen. Das hat mich vor einiger Zeit in einem Patti Smith-Konzert in Frankfurt sehr gestört. Zum Glück war das aber vor allem ein Problem im Parkett, auf den Sitzplätzen war man da gelassener und zurückhaltender.

Wenn einen das Dylan-Fieber wieder packt

Also nichts neues in der Presse. Nichts neues im Konzert war auch mein erster Gedanke beim Blick auf die Setlists der ersten Europakonzerte. Ich mieser Verräter! Denn nur ein paar Takte der youtube-Mitschnitte reichten und schon packte mich Dylan wieder. Und auch hier hat es Max Dax auf den Punkt gebracht: „Dylans Timing beim Singen, seine Phrasierungen, sind von einer Präzision, die ihresgleichen sucht, was übrigens zum Teil erklärt, warum ihm seine Fans auch heute noch hinterher reisen. Noch vor wenigen Jahren konnte man in anderen Städten komplett andere Dylan-Konzerte hören, heute wirkt es manchmal so, als würde Dylan seiner Band eine nur für diesen Abend geltende Stimmung vorgeben – dunkel, hell, andächtig, David Lynch oder Punkrock –, was im Ergebnis dazu führt, dass jedes Konzert eine andere Koloratur und Stimmung zugewiesen bekommt.“

Lange Zeit stand bei der Vorbereitung die Beschäftigung mit Brüssel als Stadt im Mittelpunkt: Comic-Museum, Atomium, Europa-Parlament, belgisches Bier, Pommes und…natürlich die Muscheln! Jetzt aber hat mich das Dylan-Fieber wieder gepackt. Trotz oder gerade wegen meiner Dylan-Konzerte Nr. 49 und 50. Und da sind wir abermals bei Max Dax. Die Endlichkeit spüre ich schon. Dylans drei Konzerte in Frankfurt wären schon ein würdiger Abschied gewesen. Doch Dylan macht weiter, zumindest bis zum 25. November, wenn seine Europatour in Dublin endet. Und wenn er weiter macht, dann muss ich das auch!

Jetzt wieder aktuell: Bob Dylans „Talkin‘ John Birch Paranoid Blues“

“The Original Freewheelin’ Bob Dylan” ist das richtige Statement zur richtigen Zeit

Nein, natürlich ist Bob Dylans „Talkin‘ John Birch Paranoid Blues“ kein neuer Song. Aber man sollte sich gerade in diesen Zeiten an ihn erinnern, auch wenn er zu anderen Zeiten geschrieben wurde. Er erfährt nun noch einmal eine Renaissance, weil er zum Record Store Day als Teil der LP „The Original Freewheelin‘ Bob Dylan“ erscheint.

Die John Birch Society (JBS) ist eine rechtsextreme Organisation in den USA, die antikommunistische, antiglobalistische und Neue-Weltordnungs-Verschwörungstheorien vertritt. Sie wurde am 9. Dezember 1958 in Indianapolis gegründet. Sie hatte das Ziel vermeintlich zunehmende Gefährdungen der amerikanischen Verfassung zu bekämpfen, womit im Besonderen eine Infiltration durch Kommunisten gemeint war.

Als wäre es ein Stück von heute

Auf diese Paranoia bezieht sich Dylan in seinem Song. Überall sind Kommunisten am Werk. Sogar die US-Regierungen Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre seien von Kommunisten infiltriert, behaupten die Birch-Leute. Dylan spießt das auf, in dem er den Erzähler singen lässt: „Meines Wissens gibt es nur einen Mann, der wirklich ein echter Amerikaner ist: George Lincoln Rockwell. Ich weiß, dass er Kommunisten hasst, weil er vor dem Film Exodus demonstriert hat.“

Dieser George Lincoln Rockwell war der Gründer und „Führer“ der World Union of Free Enterprise National Socialists und ihres Nachfolgers, der American Nazi Party. Bekannt wurde er in den Medien unter der Bezeichnung „American Hitler“.

Damals war der Einfluss der John Birch-Organisation immerhin so groß, dass die CBS befürchtete, dass die Aufnahme des Liedes in die Ed Sullivan Show im Mai 1963 zu einer Verleumdungsklage von Mitgliedern der John Birch Society führen könnte. CBS forderte von Dylan, einen anderen Song zu spielen. Das ist verblüffend aktuell, sieht man auf die Maßnahmen mit denen kritische TV-Geister wie Stephen Colbert oder Jimmy Kimmel mundtot gemacht werden sollen.

Dylan weigerte sich damals und trat nicht in der Sendung auf. Er hatte den Zeitgeist und den Lauf der Geschichte auf seiner Seite, auch wenn der Song von der Plattenfirma letztlich nicht für Dylans großes Durchbruchs-Album „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ zugelassen wurde. Die progressiven Umwälzungen der 1960er Jahre aber machten die Birch Society zu Losern.  

John Birch Society: Ähnliches Denken wie bei MAGA

Doch ihr Gedankengut und auch die Organisation überlebten. Sie schaffen es immer noch, ihre Mitglieder in Stadträte, Boards of Education und andere staatliche und zivilgesellschaftliche Gremien zu entsenden. Ihre Ideologie ähnelt stark den Positionen von Donald Trump, insbesondere die isolationistische Außenpolitik sowie die Erzählungen eines angeblichen Deep State finden wir auch in der MAGA-Ideologie.

In einem Artikel für The American Conservative aus dem Jahr 2017 schreibt Scott Beauchamp: „Ein halbes Jahrhundert später ist der Humor dieses schwammigen, paranoiden Denkens noch immer vorhanden, wenn auch in umgekehrter politischer Polarität.“ Menschen würden den Begriff „Faschist“ verwenden, um Konservative, Präsident Donald Trump oder alles, was ihnen nicht gefiel, zu bezeichnen. Er fügte hinzu: „Die Definition [von ‚Faschismus‘] sollte tief in historischen und politischen Besonderheiten verwurzelt sein, damit wir nicht zu dem Schluss kommen, dass die Nazis durch ihr unhöfliches Verhalten oder ihre Weigerung, für Hillary Clinton zu stimmen, zu Faschisten wurden.“

Der Konservative Beauchamp drehte die Denkfigur einfach um. Doch nicht einmal zehn Jahre später merken wir, dass Donald Trump und seine MAGA-Bewegung mittels des gewalttätigen ICE, unzähliger Kulturkampf-Dekrete, des Krieges gegen die demokratischen Großstädte, der Gleichschaltung des Militärs und der juristischen Verfolgung von politischen Gegnern die USA tatsächlich zu einem autoritär-halbfaschistischen Staat umbauen will. „Kriegsminister“ Pete Hegseth und viele andere Funktionsträger des Trump-Regimes sind offen rechtsextrem und folgen einem fanatischen, ausschließenden, weißen Christentum, das sogar nichts mehr von der frohen Botschaft in sich hat. Und sicher sind unter den vielen neuen Mitarbeitern des ICE auch einige „Proud Boys“ dabei. Rechtsextreme hat es schon immer in den USA gegeben. Und der Ku-Klux-Klan war in der Zwischenkriegszeit im letzten Jahrhundert tatsächlich in Massenphänomen. Doch nie waren die Vertreter der rechtsextremen Ideologie an den absoluten Schaltern der Macht. Heute sind sie in der Regierung und besetzen fast alle wichtigen Ämter.

Ein politisches Statement

Wenn also in diesen Tagen Dylans über 60 Jahr alter Song nun mit der Original Freewheelin-LP erscheint, dann ist das als politisches Statement zu sehen. Ob John Birch Society, MAGA oder Project 2025: Die Demokratie- und Menschenfeinde sind in den USA an der Macht. Es gilt die Gegenkräfte und das kritische Denken und Handeln zu stärken.

Die Aura des jungen Bob Dylan

Bei der neuen Folge der Bootleg Series geht es auch um den Erhalt und die Wiederbelebung der Aura des jungen Dylan

Bob Dylan 1963, Foto: Wikimedia Commons

Stellt sich irgendwo in einer Stadt ein Lockenkopf mit Gitarre in die Fußgängerzone und beginnt zu spielen, dauert es nicht lang und die ersten Vergleiche werden gezogen: „Da schau, wie der junge Dylan!“ Spielt Jesse Welles mit ungebändigtem Haarschopf auf seiner Gitarre Protestsongs heißt es schon wieder: „Schau, wie der junge Dylan“. Und es bedarf nur eines Schatten wie im Coen-Brüder-Film „Inside Llewyn Davies“ oder die Konturen im grellen Scheinwerferlicht wie weiland in „Madame Toussaud’s Rock Circus in London und schon erkennt jeder den jungen Dylan.

Ikonographische Bilder

Die Bilder des jungen Bob Dylan – erst mit Cordmütze und Arbeiterhemd, dann mit Lockenkopf und Polka Dot Shirt –  sind ikonographisch. Genauso wie seine Songs. Sie sind eins geworden. Gefangen in der Endlosschleife. Forever Young, Forever Young, Forever Young. Mehr als allen anderen Künstlern, die auf der Bühne gealtert sind, steht man ihm das eigentlich nicht zu. Leonard Cohen durfte es. Van Morrison darf es. Joan Baez und Neil Young sowieso. Während Jagger immer noch versucht sich zu bewegen, als wäre er Zwanzig. Das ist populistischer, rockistischer Jugendwahn, der noch dazu jeden künstlerischen Anspruch zugunsten des immer ewig gleichen aufgegeben hat. Wie wird es Bruce Springsteen in zehn Jahren auf der Bühne ergehen, wenn er keine drei-Stunden-Konzerte mehr geben kann? Wenn er dann überhaupt noch öffentlich auftreten darf. Wer weiß, was der orangene Diktator bis dahin noch so alles verboten hat.

Lieber den Impersonator hören?

Am liebsten würden viele Dylan immer wieder frisch im Sixties-Look sehen. So wie die Bob Dylan-Impersonators, die den Eventies unter dem Bob Dylan-Publikum dann regelmäßig besser gefallen, als der Künstler, der sich und seine Songs stets Veränderungen unterworfen hat.

Nun, da der Künstler wirklich alt ist und man ihm es ansieht – Bob Dylan ist jetzt 84 und jede Tour könnte die letzte sein – scheint auch dem Dylan-Lager klar zu sein, dass man dem Druck nachgeben muss. Der großartige Film „Like A Complete Unknown“ hat durch die Darstellung des charismatischen jungen Dylans durch Timothée Chalamet viele Junge für Dylan interessiert. Doch für eine nicht mitgealterte Fanwelt ist es schwierig auszuhalten, dass der alte Mann da am Klavier dieselbe Person ist – wohlgemerkt nicht der gleiche Mensch – wie der, der in den 1960ern für Furore sorgte.

Bob Dylan 1966, Foto: Wikimedia Commons

Sicher, Jeff Rosen hatte die Früh-Dylan-Bootleg-Folge schon länger auf dem Schirm. Aber dass sie jetzt gerade – im Jahr des Chalamet-Films, als auch einer neuen Dokumentation zum Folk-Revival erscheint, geschieht wohl auch aus Opportunitätsgründen und wegen der jungen Zielgruppe. Die alten Fans besorgen sich die neue Box sowieso.

No Photos!

Derweil spielt der alte Dylan nur noch das was er will. Und bringt tatsächlich fünf Songs, die bis 1965 entstanden sind. Nur die klingen natürlich ganz anders als im Film. Also auch schwer kompatibel. Während also sein Management dem jungen Dylan frönt – und dabei so vieles auslässt, was so viele Dylans-Fans freudig erwartet hatten – bleibt Dylan ganz bei sich. Mehr noch, er holt auch wieder fast vergessene Verhaltensweisen wieder raus. Im letzten Abschnitt der Outlaw-Tour verbarrikadierte er sich mit Hoody im sparsamen Licht hinter dem Flügel. Ähnliches hat er zuletzt zu Beginn der Never Ending Tour gemacht.

Klar, dass das mit dem unablässigen fotografieren und filmen zu tun. Viele sehen ein Konzert nur noch mittels des zwischengeschalteten Mobilphones und verhindern damit für sich und alle anderen das exklusive Live-Erlebnis. Auf seiner Europa-Tour darf man den Hoodie nicht fürchten. Da ist Dylan wieder Herr über das Verfahren und wird die Nutzung von Smartphones und Kameras wieder verbieten.

Dylan hat sich wie kein anderer Künstler die Macht über das eigene Bild zur immerwährenden Aufgabe gemacht. Und gerade als alternder Künstler ist er bedacht auf vorteilhafte Aufnahmen.

Neue Songs statt Nostalgie!

Während sich der junge Dylan als Hipster als absolut kompatibel für die Kids herausstellt – die werden die neue Box sowieso hauptsächlich über Stream hören – werden zu den Konzerten dann wieder die mitgealterten Fans und die jungen ganz interessierten Musikfreunde pilgern. Ich würde mir wünschen, dass die diesjährige Nostalgie bald weicht, in dem Dylan uns neue Musik gibt. Ob er sich dazu nochmal aufraffen kann?

Die ganz frühen Jahre

Folge 18 der Bootleg Series beschäftigt sich mit Dylans ganz jungen Jahren. Damit ist aber nur eine Lücke der Werkausgabe geschlossen, andere bleiben.

Copyright: Sony Music

Bei jeder Tourankündigung die Bob Dylan derzeit macht, rätseln alle: „Wird es seine letzte sein?“ Den Live-Künstler Bob Dylan könnten wir schon bald verlieren bzw. vielleicht gibt er nur noch wenige ausgewählte Konzerte. Der kreative Kopf ist aber scheinbar rege und produktiv wie gewohnt. Ein neues Buch mit Zeichnungen erscheint im Herbst, hier und da geht er ins Studio und wahrscheinlich ist sein Notizbuch voller halbfertiger oder bei Seite gelegter Songideen.

Zurück zu den Anfängen

Dass jetzt, während er auf die 85 zugeht, in diesem Jahr gleich zwei Filme über seine Frühzeit erschienen sind und die nächste Ausgabe der Bootleg Series sich mit den ganz frühen Jahren 1956 bis 1963 befasst, passt aber zu dem oben skizzierten Gedanken der Endlichkeit, bei der man sich wieder auf die Ursprünge besinnt. So wie Dylan selbst, der gerade zum Tour-Auftakt in Bangor, Maine mit „Masters Of War“, „To Ramona“ und „Don’t Think Twice“ ganz alte Werke rausholt. Dass „Masters Of War“ dabei als Statement zur Weltlage gesehen wird? War die Weltlage je anders? Ja und Nein. Abgesehen von Europa bis zu den Balkankriegen war seit dem 2. Weltkrieg irgendwo immer Krieg. Aber: Die Kriege sind nähergekommen (Ukraine), werden scheinbar von allen beteiligten Seiten immer rücksichtloser geführt (Hamas/Netanjahu-Regierung) bzw. führt Trump schon eine Art Krieg in eigenem Land gegen Migranten und gegen demokratische Städte und schafft wieder ein Kriegsministerium. Und hätte dafür dann gerne den Friedensnobelpreis? Unter diesen Bedingungen ist „Masters Of War“ dann tatsächlich ein Statement. Und ist genauso aktuell wie alle seine Protestsongs heute noch – oder wieder – aktuell sind.

Bei der Bootleg Series Vol. 18 hinterfragt man natürlich die Qualiät der Aufnahmen. Wir kennen ja die Hotel- und Partytapes der frühen Jahre. Jetzt auch die Highschool-Tapes? Die Probenkeller-Tapes? Und sein allererstes Solokonzert auf der Sommerlager-Hütte ist auch dabei? Man sagt, dieses Projekt sei für Dylans rechte Hand Jeff Rosen ein Herzensanliegen. Und in der Tat: Editorisch ist das genau die Lücke. Man hat den Musiker Dylan damit bis zu seinen Anfängen zurückverfolgt. Ob das jetzt Schlüsse auf seine spätere künstlerische Entwicklung zulässt? Wir werden sehen.

Wer hat die Liner Notes geschrieben?

Es bleibt zu wünschen, dass ein kluger Kopf – Greil Marcus, Elijah Waldo, Rosen selbst? – mit den Liner Notes beauftragt worden ist und nicht Schlüssellochgucker Clinton Heylin. Wenn das gewährleistet und das Ganze einigermaßen hörbar, dann noch optisch gut und wertig verpackt ist, dann kann man sich wirklich freuen. Auf das ganze Werk. Aber auch unter einem anderen Aspekt: Schließlich stand das Ding irgendwie jahrelang da wie der sprichwörtliche Elefant im Raum. Wenn das mal erledigt ist, kann man sich endlich wieder anderem zuwenden.

Wir warten immer noch auf die Veröffentlichung von Live-Musik der jüngeren Touren oder gar ein Box-Set, das einen schönen Überblick über die Touren seit 1988 gibt. Dass Dylans letztes Live-Album – außer dem Sonderaufgebot an Stars vom Madison Square Garden 1992 – das uninspirierte Genöhle und Gefuddel mit Grateful Dead ist (ich weiß, dass mir jetzt einige böse sind) – ruft bei mir immer noch große Schmerzen hervor. Die tollen 1986er Konzerte mit Tom Petty harren auch immer noch einer offiziellen Veröffentlichung. Außer dem Australien Konzertfilm „Hard To Handle“ ist da nie was erschienen.

Wir hätten da noch ein paar Wünsche

Also schauen wir mal was jetzt kommt. Dass die Bootleg Series Vol. 18 die Reihe abschließen wird, ist schwer vorstellbar. Da ist einfach noch zu viel da. Und es kommt ja auch immer noch weiteres hinzu. Wobei wir wieder in der anfangs gestellten Frage wären. Und die lässt sich aus Jahrzehnten Bob-Watching einfach nicht zwingend und klar beantworten. Stay tuned!

Worum es in diesem Blog geht

In diesem Blog schreibe ich über Bob Dylan und die Musik, die man heutzutage Americana nennt: Classic Country, Alternative Country und Roots-Rock, der auf Country, Blues, Gospel und Rock’n’Roll fußt. Nichts zu lesen gibt es hier über die Mainstream Hat-Acts der Country-Industrie.

Meine Devise ist, dass ich auf die Musik aufmerksam machen will, die mir gefällt. Was mir nicht gefällt kommt nur in Ausnahmefällen vor. Also viel Spaß beim Lesen!

Thomas Waldherr