Die Aura des jungen Bob Dylan

Bei der neuen Folge der Bootleg Series geht es auch um den Erhalt und die Wiederbelebung der Aura des jungen Dylan

Bob Dylan 1963, Foto: Wikimedia Commons

Stellt sich irgendwo in einer Stadt ein Lockenkopf mit Gitarre in die Fußgängerzone und beginnt zu spielen, dauert es nicht lang und die ersten Vergleiche werden gezogen: „Da schau, wie der junge Dylan!“ Spielt Jesse Welles mit ungebändigtem Haarschopf auf seiner Gitarre Protestsongs heißt es schon wieder: „Schau, wie der junge Dylan“. Und es bedarf nur eines Schatten wie im Coen-Brüder-Film „Inside Llewyn Davies“ oder die Konturen im grellen Scheinwerferlicht wie weiland in „Madame Toussaud’s Rock Circus in London und schon erkennt jeder den jungen Dylan.

Ikonographische Bilder

Die Bilder des jungen Bob Dylan – erst mit Cordmütze und Arbeiterhemd, dann mit Lockenkopf und Polka Dot Shirt –  sind ikonographisch. Genauso wie seine Songs. Sie sind eins geworden. Gefangen in der Endlosschleife. Forever Young, Forever Young, Forever Young. Mehr als allen anderen Künstlern, die auf der Bühne gealtert sind, steht man ihm das eigentlich nicht zu. Leonard Cohen durfte es. Van Morrison darf es. Joan Baez und Neil Young sowieso. Während Jagger immer noch versucht sich zu bewegen, als wäre er Zwanzig. Das ist populistischer, rockistischer Jugendwahn, der noch dazu jeden künstlerischen Anspruch zugunsten des immer ewig gleichen aufgegeben hat. Wie wird es Bruce Springsteen in zehn Jahren auf der Bühne ergehen, wenn er keine drei-Stunden-Konzerte mehr geben kann? Wenn er dann überhaupt noch öffentlich auftreten darf. Wer weiß, was der orangene Diktator bis dahin noch so alles verboten hat.

Lieber den Impersonator hören?

Am liebsten würden viele Dylan immer wieder frisch im Sixties-Look sehen. So wie die Bob Dylan-Impersonators, die den Eventies unter dem Bob Dylan-Publikum dann regelmäßig besser gefallen, als der Künstler, der sich und seine Songs stets Veränderungen unterworfen hat.

Nun, da der Künstler wirklich alt ist und man ihm es ansieht – Bob Dylan ist jetzt 84 und jede Tour könnte die letzte sein – scheint auch dem Dylan-Lager klar zu sein, dass man dem Druck nachgeben muss. Der großartige Film „Like A Complete Unknown“ hat durch die Darstellung des charismatischen jungen Dylans durch Timothée Chalamet viele Junge für Dylan interessiert. Doch für eine nicht mitgealterte Fanwelt ist es schwierig auszuhalten, dass der alte Mann da am Klavier dieselbe Person ist – wohlgemerkt nicht der gleiche Mensch – wie der, der in den 1960ern für Furore sorgte.

Bob Dylan 1966, Foto: Wikimedia Commons

Sicher, Jeff Rosen hatte die Früh-Dylan-Bootleg-Folge schon länger auf dem Schirm. Aber dass sie jetzt gerade – im Jahr des Chalamet-Films, als auch einer neuen Dokumentation zum Folk-Revival erscheint, geschieht wohl auch aus Opportunitätsgründen und wegen der jungen Zielgruppe. Die alten Fans besorgen sich die neue Box sowieso.

No Photos!

Derweil spielt der alte Dylan nur noch das was er will. Und bringt tatsächlich fünf Songs, die bis 1965 entstanden sind. Nur die klingen natürlich ganz anders als im Film. Also auch schwer kompatibel. Während also sein Management dem jungen Dylan frönt – und dabei so vieles auslässt, was so viele Dylans-Fans freudig erwartet hatten – bleibt Dylan ganz bei sich. Mehr noch, er holt auch wieder fast vergessene Verhaltensweisen wieder raus. Im letzten Abschnitt der Outlaw-Tour verbarrikadierte er sich mit Hoody im sparsamen Licht hinter dem Flügel. Ähnliches hat er zuletzt zu Beginn der Never Ending Tour gemacht.

Klar, dass das mit dem unablässigen fotografieren und filmen zu tun. Viele sehen ein Konzert nur noch mittels des zwischengeschalteten Mobilphones und verhindern damit für sich und alle anderen das exklusive Live-Erlebnis. Auf seiner Europa-Tour darf man den Hoodie nicht fürchten. Da ist Dylan wieder Herr über das Verfahren und wird die Nutzung von Smartphones und Kameras wieder verbieten.

Dylan hat sich wie kein anderer Künstler die Macht über das eigene Bild zur immerwährenden Aufgabe gemacht. Und gerade als alternder Künstler ist er bedacht auf vorteilhafte Aufnahmen.

Neue Songs statt Nostalgie!

Während sich der junge Dylan als Hipster als absolut kompatibel für die Kids herausstellt – die werden die neue Box sowieso hauptsächlich über Stream hören – werden zu den Konzerten dann wieder die mitgealterten Fans und die jungen ganz interessierten Musikfreunde pilgern. Ich würde mir wünschen, dass die diesjährige Nostalgie bald weicht, in dem Dylan uns neue Musik gibt. Ob er sich dazu nochmal aufraffen kann?

Die ganz frühen Jahre

Folge 18 der Bootleg Series beschäftigt sich mit Dylans ganz jungen Jahren. Damit ist aber nur eine Lücke der Werkausgabe geschlossen, andere bleiben.

Copyright: Sony Music

Bei jeder Tourankündigung die Bob Dylan derzeit macht, rätseln alle: „Wird es seine letzte sein?“ Den Live-Künstler Bob Dylan könnten wir schon bald verlieren bzw. vielleicht gibt er nur noch wenige ausgewählte Konzerte. Der kreative Kopf ist aber scheinbar rege und produktiv wie gewohnt. Ein neues Buch mit Zeichnungen erscheint im Herbst, hier und da geht er ins Studio und wahrscheinlich ist sein Notizbuch voller halbfertiger oder bei Seite gelegter Songideen.

Zurück zu den Anfängen

Dass jetzt, während er auf die 85 zugeht, in diesem Jahr gleich zwei Filme über seine Frühzeit erschienen sind und die nächste Ausgabe der Bootleg Series sich mit den ganz frühen Jahren 1956 bis 1963 befasst, passt aber zu dem oben skizzierten Gedanken der Endlichkeit, bei der man sich wieder auf die Ursprünge besinnt. So wie Dylan selbst, der gerade zum Tour-Auftakt in Bangor, Maine mit „Masters Of War“, „To Ramona“ und „Don’t Think Twice“ ganz alte Werke rausholt. Dass „Masters Of War“ dabei als Statement zur Weltlage gesehen wird? War die Weltlage je anders? Ja und Nein. Abgesehen von Europa bis zu den Balkankriegen war seit dem 2. Weltkrieg irgendwo immer Krieg. Aber: Die Kriege sind nähergekommen (Ukraine), werden scheinbar von allen beteiligten Seiten immer rücksichtloser geführt (Hamas/Netanjahu-Regierung) bzw. führt Trump schon eine Art Krieg in eigenem Land gegen Migranten und gegen demokratische Städte und schafft wieder ein Kriegsministerium. Und hätte dafür dann gerne den Friedensnobelpreis? Unter diesen Bedingungen ist „Masters Of War“ dann tatsächlich ein Statement. Und ist genauso aktuell wie alle seine Protestsongs heute noch – oder wieder – aktuell sind.

Bei der Bootleg Series Vol. 18 hinterfragt man natürlich die Qualiät der Aufnahmen. Wir kennen ja die Hotel- und Partytapes der frühen Jahre. Jetzt auch die Highschool-Tapes? Die Probenkeller-Tapes? Und sein allererstes Solokonzert auf der Sommerlager-Hütte ist auch dabei? Man sagt, dieses Projekt sei für Dylans rechte Hand Jeff Rosen ein Herzensanliegen. Und in der Tat: Editorisch ist das genau die Lücke. Man hat den Musiker Dylan damit bis zu seinen Anfängen zurückverfolgt. Ob das jetzt Schlüsse auf seine spätere künstlerische Entwicklung zulässt? Wir werden sehen.

Wer hat die Liner Notes geschrieben?

Es bleibt zu wünschen, dass ein kluger Kopf – Greil Marcus, Elijah Waldo, Rosen selbst? – mit den Liner Notes beauftragt worden ist und nicht Schlüssellochgucker Clinton Heylin. Wenn das gewährleistet und das Ganze einigermaßen hörbar, dann noch optisch gut und wertig verpackt ist, dann kann man sich wirklich freuen. Auf das ganze Werk. Aber auch unter einem anderen Aspekt: Schließlich stand das Ding irgendwie jahrelang da wie der sprichwörtliche Elefant im Raum. Wenn das mal erledigt ist, kann man sich endlich wieder anderem zuwenden.

Wir warten immer noch auf die Veröffentlichung von Live-Musik der jüngeren Touren oder gar ein Box-Set, das einen schönen Überblick über die Touren seit 1988 gibt. Dass Dylans letztes Live-Album – außer dem Sonderaufgebot an Stars vom Madison Square Garden 1992 – das uninspirierte Genöhle und Gefuddel mit Grateful Dead ist (ich weiß, dass mir jetzt einige böse sind) – ruft bei mir immer noch große Schmerzen hervor. Die tollen 1986er Konzerte mit Tom Petty harren auch immer noch einer offiziellen Veröffentlichung. Außer dem Australien Konzertfilm „Hard To Handle“ ist da nie was erschienen.

Wir hätten da noch ein paar Wünsche

Also schauen wir mal was jetzt kommt. Dass die Bootleg Series Vol. 18 die Reihe abschließen wird, ist schwer vorstellbar. Da ist einfach noch zu viel da. Und es kommt ja auch immer noch weiteres hinzu. Wobei wir wieder in der anfangs gestellten Frage wären. Und die lässt sich aus Jahrzehnten Bob-Watching einfach nicht zwingend und klar beantworten. Stay tuned!

Worum es in diesem Blog geht

In diesem Blog schreibe ich über Bob Dylan und die Musik, die man heutzutage Americana nennt: Classic Country, Alternative Country und Roots-Rock, der auf Country, Blues, Gospel und Rock’n’Roll fußt. Nichts zu lesen gibt es hier über die Mainstream Hat-Acts der Country-Industrie.

Meine Devise ist, dass ich auf die Musik aufmerksam machen will, die mir gefällt. Was mir nicht gefällt kommt nur in Ausnahmefällen vor. Also viel Spaß beim Lesen!

Thomas Waldherr