Ein Meisterwerk des Protestsongs

Springsteens „Streets of Minneapolis“ ist nicht nur der Song der Stunde, in ihm verdichtet sich amerikanische Politik und Kultur/ Referenzen an Bob Dylan

Bruce Springsteen, Foto: Wikimedia Commons

Ausgerechnet Minneapolis. Ausgerechnet hier kulminierte die rücksichtslose, brutale staatliche Gewalt unter Trump. Ausgerechnet hier starben zwei Menschen – Renee Good und Alex Pretti – durch die Trump-Miliz ICE, so etwas die „Revolutionswächter“ von Trump und MAGA.

Wir erinnern uns: 2020 kam in Minneapolis George Floyd durch einen brutalen Polizeieinsatz ums Leben. Danach erstarkte für viele Monate die „Black Lives Matter“-Bewegung während der ersten Präsidentschaft Trumps. Der legte dazu einen denkwürdig-martialischen-fragwürdig-peinlichen Auftritt mit der Bibel falsch rum in der Hand vor der St. John’s Church in Washington D.C. hin, der staatliche Macht in unruhigen Zeiten symbolisieren sollte.

Wir erinnern uns: Running Mate der glücklosen demokratischen Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris war der Gouveneur von Minnesota, Tim Walz. Walz und die demokratisch regierte Stadt Minneapolis waren also bei Trump und den MAGA-Leuten ohnehin schon verhasst. Kein Wunder, dass Minneapolis da ebenso wie Chicago, Portland, Los Angeles und San Francisco da ins Visier von ICE geriet.

Ausgerechnet Minneapolis

Und wir erinnern uns: 1920 – also 100 Jahre vor George Floyd – fand in in Duluth, Minnesota, ein Lynchmord an drei schwarzen Zirkusarbeitern statt. „They selling postcards of the hanging“ singt Bob Dylan in „Desolation Row” und zeichnet da nicht irgendeine surreale Szene, sondern beschreibt die realen Begebenheiten, die ihm sein Vater, der als acht-jähriger nur ein paar Straßen vom Tatort entfernt lebte, weitergegeben hatte. Das musste traumatisch für die Familie Zimmerman gewesen sein, war sie doch ein paar Jahre vorher wegen antisemitischer Pogrome aus dem russischen Reich nach Amerika ausgewandert.

Und genau dieses „Desolation Row“ nimmt Bruce Springsteen als musikalische Basis seines Protestsongs „Streets Of Minneapolis“ und verdichtet damit amerikanische Politik und Kultur wie in einem Brennglas. Rassistische und politisch motivierte Gewalt hat in Amerika eine lange, unselige Tradition. Bob Dylan hat sie in Songs wie „The Death Of Emmett Till“, „Oxford Town“, „Only a Pawn in Their Game“ oder “The Lonesome Death Of Hattie Caroll” aufgespießt oder eben in „Desolation Row“ surreal verfremdet dargestellt. Wenn Bruce Springsteen sich hier bei Dylan musikalisch bedient, textlich aber ganz situativ und konkret die aktuellen Missstände aufgreift wie Protestsänger wie Woody Guthrie, Pete Seeger oder Phil Ochs, dann führt er kulturelle Traditionen Amerikas fort.

Der Song der Stunde

Und wenn Springsteen sich über die Vorfälle in Minneapolis entsetzen und empören muss und zum Widerstand aufruft, dann führt die politische Linie, gegen die es sich zu wehren gilt, direkt von den rassistischen Lynchmördern von Duluth über den Ku-Klux-Klan und seine Morde an Bürgerrechtlern in den 1960er Jahren bis hin zum rassistischen Staatsterror der ICE-Milizen im Winter 2026.

Genau deswegen ist Springsteens Song ein Meisterwerk des Protestsongs und geeignet dafür, Widerstand zu entfachen, zu stärken und ihm eine musikalische Ausdrucksform zu geben. So wie das Bob Dylan mit seinen Songs in den 1960er Jahren geschafft hat.

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