Americana in den Zeiten von Trump

Das Land entfernt sich von uns, die Musik bleibt uns nah/ Bob Dylan bleibt ein Fixpunkt/ Darmstädter Americana-Reihe geht weiter

Americana – jetzt erst recht! Thomas Waldherr, Foto: Axel Groß

Dass mit Trump eine Zeitenwende kommen wird, war klar. Jetzt wo wir mitten drin sind, ist es aber trotzdem schwer auszuhalten. Hatz auf Migranten in den USA, Besetzung demokratisch regierter Städte durch die Nationalgarde, Zerschlagung wichtiger Teile des Staatsapparates, absoluter Vorrang der Geschäftsinteressen von Trumps Familie und Freunden und nun die klaren imperialen Drohungen gegen Venezuela, Grönland, Mexiko, Kolumbien und Mexiko. Die USA agieren nicht mehr wie der Weltpolizist, sondern wie der Welt-Gossenschläger.

Seit Ende des 2. Weltkriegs hatten die USA Deutschland und Westeuropa vor allem auch mit ihrer „Soft Power“ an sich gebunden: Musik, Film, Literatur. AFN, Jazzclubs, Bluesmusik. Selbst die Musik, die in Amerika gegen die herrschende Politik in den USA in den 1960ern rebellierte, kam dadurch nach Deutschland: Bob Dylan, Joan Baez, Pete Seeger. Und es kamen auch Country und Americana nach Deutschland.

Das Ende der „Soft Power“

Schon die Präsidenten Bush Vater und Sohn haben in der internationalen Politik die Möglichkeiten der Soft Power nicht mehr genutzt. Während Barack Obama wie weiland Jimmy Carter oder Bill Clinton immer eine enge Beziehung zu den Kulturschaffenden seines Landes hatte, ist Donald Trump und seine MAGA-Bande im Grunde kulturfern. Einzig rechte Country- und Rockmusiker wie Kid Rock oder Nickelback finden da Gehör.

Während amerikanische Musiker weiterhin gerne – oder jetzt noch lieber – nach Europa kommen, besteht aber die Gefahr eines gewissen kulturellen Ablösungsprozesses von Amerika. Zwar sind die Generationen, die vor 2000 geboren ist, noch fest mit amerikanischer (Populärkultur) verbunden. Aber wer nach 2000 geboren ist, der hat als Jugendlicher nur Trump und Biden als US-Präsidenten erlebt. Der ist mit Trump als feste, negative Größe der USA aufgewachsen. Wenn jetzt Amerika für seine Interessen alle internationalen Regeln und die gewachsenen Verbindungen zu Europa nicht mehr interessieren, und sich als Gegner Europas sieht, dann wird der kulturelle Einfluss Amerikas schwinden. Begünstigt auch von der deutschen Rechten und den Pseudo-Linken, denen die „Amerikanisierung“, sprich Liberalisierung Deutschlands, schon immer ein Dorn im Auge war.

Doch Amerika ist eben nicht nur Trump und MAGA. Die Darmstädter Americana-Reihe war schon immer dem „anderen Amerika“ verbunden. Dem Amerika der Bürgerrechtsbewegung, der Graswurzelbewegungen wie „Black Lives Matter“, der kritischen US-Popkultur.

Verbunden mit dem „anderen Amerika“

Denn es gab und es gibt seit jeher ein Amerika fern der Macht der Konzerne, der Tech-Bros, der evangelikalen Christen und der MAGA-Bande. Amerika war immer ein Hort der Widersprüche. Die Gründerväter der ältesten Demokratie der Neuzeit und Schreiber einer freiheitlichen Verfassung waren Sklavenhalter. Später gab es Rinderbarone und Ölmagnaten. Aber es gab auch immer Vertreter gesellschaftlicher Utopien, es gab friedensliebende Quäker, Henry David Thoreau, Walt Whitman, Ralph Waldo Emerson und Mark Twain, es gab die International Workers Of The World, die „Wobblies“ mit Joe Hill und dem „Little Songbook“ und dann eben Martin Luther King und andere, die für Bürgerrechte eintraten. Auf ihren Spuren zu wandeln in einem großen, vielfältigen Land, das machte den Reiz Amerikas aus.

Und gerade auch die großen Widersprüche haben über lange Zeit Amerikas durchaus auch obskure Faszination ausgemacht. Zwar war in der Zwischenkriegszeit 1918 bis in die 1940er Jahre der Ku-Klux-Klan auf der Höhe seiner gesellschaftlichen Verankerung und rassistische Lynchmorde im Süden fast schon alltäglich. Aber an den entscheidenden Hebeln der Macht saßen in Washington Franklin D. Roosevelt und eine Administration von aufgeklärten Demokraten und Linksliberalen und standen gesamtgesellschaftlich für eine soziale Politik und eine Wertschätzung der Kultur der einfachen, hart arbeitenden Leute.

Heute aber sitzen erstmals in der jüngeren Geschichte der USA Leute an den Schalthebeln, die wirtschaftliche Macht und politische Macht in sich vereinen, die offen rassistisch, frauenfeindlich und kulturfern sind. Sie schätzen Countrymusik nur wenn sie spalterisch ist. Ansonsten bauen sie protzige Ballsäle und sind kulturell seicht unterwegs.

Doch das „andere Amerika“ ist weiterhin da. Und so wird es auch bleiben. Siehe Alexandria Occasio-Cortez, oder die Bürgermeister von New York Zohran Mamdani und Minneapolis Jacob Frey. Mehr denn je brauchen daher die fortschrittlichen Kräfte in den USA die internationale Solidarität. Die Americana-Reihe ist da nur ein sehr kleiner Teil, aber sie erfüllt damit in Darmstadt eine wichtige Funktion. Das progressive Amerika in der Tradition von Franklin D. Roosevelt, Woody Guthrie, Pete Seeger, Martin Luther King, Joan Baez, Bob Dylan über Robert Redford oder Stephen King bis hin zu Bernie Sanders, Bruce Springsteen und den genannten jüngeren Aktiven muss hierzulande weiterhin rezipiert werden.

„Americana geht weiter“ – Bob Dylan bleibt ein Fixpunkt

Darum bieten wir weiterhin amerikanische Musik an. Die Musik, die in Amerika durch die Menschen, die dort leben, entstanden ist. Von den europäischen Einwanderern. Von den afrikanischen Sklaven. Von den Native Americans. Von den lateinamerikanischen und asiatischen Einwanderern. Amerikanische Musik ist erst durch Fusion und Crossover wirklich amerikanische geworden. So wie das Banjo das erste amerikanische Instrument geworden ist, weil die afrikanische Vorform in den USA weiterentwickelt wurde und das Banjo sowohl von Schwarzen als auch von Weißen gespielt wird. So wie die angeblich weiße Countrymusik erst durch die Verschmelzung der angelsächsisch verwurzelten Folkmusik mit der afroamerikanischen Bluesmusik möglich wurde.

Copyright: Sony Music

Die Verbindung von Folkballaden mit Bluesschema, Country-Twang und Yodel, Blues-, Jazz- und Swing-Synkopen, Blasmusik und Ragtime sind die Wurzeln von Country, Bluegrass und Western Swing. Und heutzutage bringen progressive Freigeister auch lateinamerikanische oder asiatische Musik mit Bluegrass zusammen. Oder bringen Country und Folk mit Hip Hop zusammen.

Immer wieder wird natürlich danach gefragt, warum engagieren sich nicht mehr Musiker politisch. Dabei sind es gar nicht zu wenige: Bruce Springsteen, Joan Baez, Neil Young sind da zu nennen. Dann gibt es jüngere Jesse Welles oder Carsie Blanton, die neben ihrer Musik auch bei politischen Veranstaltungen mitmachen. Aber auch ein Bob Dylan, ein Willie Nelson oder ein John Mellencamp sind aufgrund ihrer Auftritte bei Farm Aid und ihres Liedgutes – „Masters Of War“, „All Along The Watchtower“, „False Prophets“ – ganz klar im Anti-Trump-Lager verortet, ohne politische Reden zu halten.

Und so bleibt Bob Dylan aufgrund seiner Lebensleistung und seiner Songs, die immer auch die böse Seite Amerikas im Blick hatten, weiterhin einer unserer Fixpunkte. Kein anderer hat die Widersprüchlichkeit unsere Welt mit so großartiger treffender und überdauernder Poesie beschrieben wie er. Auch wenn er heutzutage irgendwo kryptische Dinge veröffentlicht, die uns die Stirn runzeln lassen. Wie oben schon gesagt, er ist schon richtig verortet.

Und so macht die Darmstädter Americana-Reihe einfach immer weiter, um für die wirklichen kulturellen Leuchttürme Amerikas zu werben und gegen die gefährliche, militante Dummheit und Gier der mafiösen MAGA-Bande klare Kante zu zeigen. Und mit klarer Haltung zu unterhalten. So auch in diesem Jahr im Stammhaus Bessunger Knabenschule in Darmstadt und in Kooperation in Pfungstadt und Bensheim. Kommt zuhauf!

Die nächsten „Americana“-Termine:
Do, 29. Januar, 20 Uhr, „Mojo Hand“, Darmstadt. Infos und Tickets:
https://www.knabenschule.de/?id=1651
Do, 5. Februar, 20 Uhr, Neil & The Slowpokes, Bensheim: Infos und Tickets:
https://pipapo-kellertheater.de/neil-the-slowpokes/
Mittwoch, 25. Februar, 20 Uhr, Elizabeth Lee & Martin Hauke, Darmstadt. Infos und Tickets: https://www.knabenschule.de/?id=1674
Donnerstag, 5. März, 20 Uhr, Alina Sebastian feat. David Tarakona, Bensheim. Infos und Tickets: https://pipapo-kellertheater.de/alina-sebastian/

Hinterlasse einen Kommentar