“The Original Freewheelin’ Bob Dylan” ist das richtige Statement zur richtigen Zeit

Nein, natürlich ist Bob Dylans „Talkin‘ John Birch Paranoid Blues“ kein neuer Song. Aber man sollte sich gerade in diesen Zeiten an ihn erinnern, auch wenn er zu anderen Zeiten geschrieben wurde. Er erfährt nun noch einmal eine Renaissance, weil er zum Record Store Day als Teil der LP „The Original Freewheelin‘ Bob Dylan“ erscheint.
Die John Birch Society (JBS) ist eine rechtsextreme Organisation in den USA, die antikommunistische, antiglobalistische und Neue-Weltordnungs-Verschwörungstheorien vertritt. Sie wurde am 9. Dezember 1958 in Indianapolis gegründet. Sie hatte das Ziel vermeintlich zunehmende Gefährdungen der amerikanischen Verfassung zu bekämpfen, womit im Besonderen eine Infiltration durch Kommunisten gemeint war.
Als wäre es ein Stück von heute
Auf diese Paranoia bezieht sich Dylan in seinem Song. Überall sind Kommunisten am Werk. Sogar die US-Regierungen Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre seien von Kommunisten infiltriert, behaupten die Birch-Leute. Dylan spießt das auf, in dem er den Erzähler singen lässt: „Meines Wissens gibt es nur einen Mann, der wirklich ein echter Amerikaner ist: George Lincoln Rockwell. Ich weiß, dass er Kommunisten hasst, weil er vor dem Film Exodus demonstriert hat.“
Dieser George Lincoln Rockwell war der Gründer und „Führer“ der World Union of Free Enterprise National Socialists und ihres Nachfolgers, der American Nazi Party. Bekannt wurde er in den Medien unter der Bezeichnung „American Hitler“.
Damals war der Einfluss der John Birch-Organisation immerhin so groß, dass die CBS befürchtete, dass die Aufnahme des Liedes in die Ed Sullivan Show im Mai 1963 zu einer Verleumdungsklage von Mitgliedern der John Birch Society führen könnte. CBS forderte von Dylan, einen anderen Song zu spielen. Das ist verblüffend aktuell, sieht man auf die Maßnahmen mit denen kritische TV-Geister wie Stephen Colbert oder Jimmy Kimmel mundtot gemacht werden sollen.
Dylan weigerte sich damals und trat nicht in der Sendung auf. Er hatte den Zeitgeist und den Lauf der Geschichte auf seiner Seite, auch wenn der Song von der Plattenfirma letztlich nicht für Dylans großes Durchbruchs-Album „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ zugelassen wurde. Die progressiven Umwälzungen der 1960er Jahre aber machten die Birch Society zu Losern.
John Birch Society: Ähnliches Denken wie bei MAGA
Doch ihr Gedankengut und auch die Organisation überlebten. Sie schaffen es immer noch, ihre Mitglieder in Stadträte, Boards of Education und andere staatliche und zivilgesellschaftliche Gremien zu entsenden. Ihre Ideologie ähnelt stark den Positionen von Donald Trump, insbesondere die isolationistische Außenpolitik sowie die Erzählungen eines angeblichen Deep State finden wir auch in der MAGA-Ideologie.
In einem Artikel für The American Conservative aus dem Jahr 2017 schreibt Scott Beauchamp: „Ein halbes Jahrhundert später ist der Humor dieses schwammigen, paranoiden Denkens noch immer vorhanden, wenn auch in umgekehrter politischer Polarität.“ Menschen würden den Begriff „Faschist“ verwenden, um Konservative, Präsident Donald Trump oder alles, was ihnen nicht gefiel, zu bezeichnen. Er fügte hinzu: „Die Definition [von ‚Faschismus‘] sollte tief in historischen und politischen Besonderheiten verwurzelt sein, damit wir nicht zu dem Schluss kommen, dass die Nazis durch ihr unhöfliches Verhalten oder ihre Weigerung, für Hillary Clinton zu stimmen, zu Faschisten wurden.“
Der Konservative Beauchamp drehte die Denkfigur einfach um. Doch nicht einmal zehn Jahre später merken wir, dass Donald Trump und seine MAGA-Bewegung mittels des gewalttätigen ICE, unzähliger Kulturkampf-Dekrete, des Krieges gegen die demokratischen Großstädte, der Gleichschaltung des Militärs und der juristischen Verfolgung von politischen Gegnern die USA tatsächlich zu einem autoritär-halbfaschistischen Staat umbauen will. „Kriegsminister“ Pete Hegseth und viele andere Funktionsträger des Trump-Regimes sind offen rechtsextrem und folgen einem fanatischen, ausschließenden, weißen Christentum, das sogar nichts mehr von der frohen Botschaft in sich hat. Und sicher sind unter den vielen neuen Mitarbeitern des ICE auch einige „Proud Boys“ dabei. Rechtsextreme hat es schon immer in den USA gegeben. Und der Ku-Klux-Klan war in der Zwischenkriegszeit im letzten Jahrhundert tatsächlich in Massenphänomen. Doch nie waren die Vertreter der rechtsextremen Ideologie an den absoluten Schaltern der Macht. Heute sind sie in der Regierung und besetzen fast alle wichtigen Ämter.
Ein politisches Statement
Wenn also in diesen Tagen Dylans über 60 Jahr alter Song nun mit der Original Freewheelin-LP erscheint, dann ist das als politisches Statement zu sehen. Ob John Birch Society, MAGA oder Project 2025: Die Demokratie- und Menschenfeinde sind in den USA an der Macht. Es gilt die Gegenkräfte und das kritische Denken und Handeln zu stärken.