Bei der neuen Folge der Bootleg Series geht es auch um den Erhalt und die Wiederbelebung der Aura des jungen Dylan

Stellt sich irgendwo in einer Stadt ein Lockenkopf mit Gitarre in die Fußgängerzone und beginnt zu spielen, dauert es nicht lang und die ersten Vergleiche werden gezogen: „Da schau, wie der junge Dylan!“ Spielt Jesse Welles mit ungebändigtem Haarschopf auf seiner Gitarre Protestsongs heißt es schon wieder: „Schau, wie der junge Dylan“. Und es bedarf nur eines Schatten wie im Coen-Brüder-Film „Inside Llewyn Davies“ oder die Konturen im grellen Scheinwerferlicht wie weiland in „Madame Toussaud’s Rock Circus in London und schon erkennt jeder den jungen Dylan.
Ikonographische Bilder
Die Bilder des jungen Bob Dylan – erst mit Cordmütze und Arbeiterhemd, dann mit Lockenkopf und Polka Dot Shirt – sind ikonographisch. Genauso wie seine Songs. Sie sind eins geworden. Gefangen in der Endlosschleife. Forever Young, Forever Young, Forever Young. Mehr als allen anderen Künstlern, die auf der Bühne gealtert sind, steht man ihm das eigentlich nicht zu. Leonard Cohen durfte es. Van Morrison darf es. Joan Baez und Neil Young sowieso. Während Jagger immer noch versucht sich zu bewegen, als wäre er Zwanzig. Das ist populistischer, rockistischer Jugendwahn, der noch dazu jeden künstlerischen Anspruch zugunsten des immer ewig gleichen aufgegeben hat. Wie wird es Bruce Springsteen in zehn Jahren auf der Bühne ergehen, wenn er keine drei-Stunden-Konzerte mehr geben kann? Wenn er dann überhaupt noch öffentlich auftreten darf. Wer weiß, was der orangene Diktator bis dahin noch so alles verboten hat.
Lieber den Impersonator hören?
Am liebsten würden viele Dylan immer wieder frisch im Sixties-Look sehen. So wie die Bob Dylan-Impersonators, die den Eventies unter dem Bob Dylan-Publikum dann regelmäßig besser gefallen, als der Künstler, der sich und seine Songs stets Veränderungen unterworfen hat.
Nun, da der Künstler wirklich alt ist und man ihm es ansieht – Bob Dylan ist jetzt 84 und jede Tour könnte die letzte sein – scheint auch dem Dylan-Lager klar zu sein, dass man dem Druck nachgeben muss. Der großartige Film „Like A Complete Unknown“ hat durch die Darstellung des charismatischen jungen Dylans durch Timothée Chalamet viele Junge für Dylan interessiert. Doch für eine nicht mitgealterte Fanwelt ist es schwierig auszuhalten, dass der alte Mann da am Klavier dieselbe Person ist – wohlgemerkt nicht der gleiche Mensch – wie der, der in den 1960ern für Furore sorgte.

Sicher, Jeff Rosen hatte die Früh-Dylan-Bootleg-Folge schon länger auf dem Schirm. Aber dass sie jetzt gerade – im Jahr des Chalamet-Films, als auch einer neuen Dokumentation zum Folk-Revival erscheint, geschieht wohl auch aus Opportunitätsgründen und wegen der jungen Zielgruppe. Die alten Fans besorgen sich die neue Box sowieso.
No Photos!
Derweil spielt der alte Dylan nur noch das was er will. Und bringt tatsächlich fünf Songs, die bis 1965 entstanden sind. Nur die klingen natürlich ganz anders als im Film. Also auch schwer kompatibel. Während also sein Management dem jungen Dylan frönt – und dabei so vieles auslässt, was so viele Dylans-Fans freudig erwartet hatten – bleibt Dylan ganz bei sich. Mehr noch, er holt auch wieder fast vergessene Verhaltensweisen wieder raus. Im letzten Abschnitt der Outlaw-Tour verbarrikadierte er sich mit Hoody im sparsamen Licht hinter dem Flügel. Ähnliches hat er zuletzt zu Beginn der Never Ending Tour gemacht.
Klar, dass das mit dem unablässigen fotografieren und filmen zu tun. Viele sehen ein Konzert nur noch mittels des zwischengeschalteten Mobilphones und verhindern damit für sich und alle anderen das exklusive Live-Erlebnis. Auf seiner Europa-Tour darf man den Hoodie nicht fürchten. Da ist Dylan wieder Herr über das Verfahren und wird die Nutzung von Smartphones und Kameras wieder verbieten.
Dylan hat sich wie kein anderer Künstler die Macht über das eigene Bild zur immerwährenden Aufgabe gemacht. Und gerade als alternder Künstler ist er bedacht auf vorteilhafte Aufnahmen.
Neue Songs statt Nostalgie!
Während sich der junge Dylan als Hipster als absolut kompatibel für die Kids herausstellt – die werden die neue Box sowieso hauptsächlich über Stream hören – werden zu den Konzerten dann wieder die mitgealterten Fans und die jungen ganz interessierten Musikfreunde pilgern. Ich würde mir wünschen, dass die diesjährige Nostalgie bald weicht, in dem Dylan uns neue Musik gibt. Ob er sich dazu nochmal aufraffen kann?